(periphere Notate): Wer ist hier von welcher Kolonne?

Man wird mir das nicht auf Anhieb glauben, aber ich habe Heiner Geißler sehr geschätzt, obwohl uns politisch oft Welten trennten. Sein scharfer Witz und seine polemischen Bonmots würzten einen politischen Betrieb, den ich als Jugendlicher in den achtziger Jahren dröge, öde und manchmal unerträglich dumm fand. (Daß ich mich heute angesichts der kaum noch zu überbietenden Unfähigkeit und unbeschreiblichen Verblödung eines Personals, das man keiner Kindergärtnerin auch nur zur Halbtagsbetreuung wünscht, manchmal nach den damals so empfundenen Figuren und Menschen zurücksehne, kann ich meinem damaligen Ich nicht vorwerfen.)

Als Geißler vor viereinhalb Jahren starb, habe ich viele, viele Nachrufe gelesen: alles hingeschludertes Zeug, apologetisch, gleichgültig, unverständig, an Person, Rolle und Bedeutung vorbei. Die wenigen Pointen mußte er selbst liefern; es waren immer die gleichen. Der „Spiegel“ nannte ihn einen „Querdenker“, das war damals auf andere Weise beleidigend als heute: einfach wegen der vorhersehbaren und deshalb absolut unangemessenen Schlichtheit des Stereotyps. Der einzige Nachruf, der mir angemessen schien und mich ehrlich gesagt zu Tränen rührte, kam von Geißlers ehemaligem attac-Kollegen Pedram Shahyar (von dem mich politisch in vielen Punkten ebenfalls Ozeane trennen, in anderen nicht, dies nur exemplarisch).

Geißler nannte seine eigene Partei einen „führerkultischen“ Haufen und die damals noch (und noch nicht lange) als solche existierende grüne Partei den „Volkssturm der SPD“, behauptete, der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht (woran ich als damals noch Nichtpazifist lange zu kauen hatte, weil ein solcher Pazifismus nirgendwo zu finden war). Über so etwas mußte man nicht viel nachdenken – das Vergnügen deutscher Provokateure an Nazivergleichen ist ein alter Hut, der ja auch mir häufig und zu Recht aufgesetzt wird; was psychologisch hinter diesem Phänomen steckt, mögen Fachleute diskutieren, aber die Wirkung ist stets absehbar (und oft nicht die intendierte).

Daß er der SPD nachsagte, sie verhalte sich wie „die fünfte Kolonne der anderen Seite“, paßt irgendwie auch in dieses Muster, obwohl es andererseits gar nicht paßt, und es ist freilich auch bezeichnend, daß deutsche Leitmedien dieses Zitat heute generell falsch zitieren. Man muß aber über derlei ja gar nicht lange nachdenken; Willy Brandts müde Replik (Geißler sei der schlimmste Hetzer seit Goebbels) hat diesem wahrscheinlich auch noch sein ikonisches, im deutschen politischen Betrieb beispielloses Grinsen entlockt, das sich wegen häufigen Auftretens so tief in sein Gesicht grub, daß er es – hätte er als alter Mann ein Kind gezeugt – wahrscheinlich genetisch vererbt hätte.

Daß sich Geißler immer wieder fürchterlich irrte und korrigierte, schwadronierte und plapperte, Blödsinn und Unfug äußerte, nie eine echte „Richtung“, schon gar keine („weltanschauliche“) „Haltung“ kannte und sein politisches Leben mit einem grandiosen Fehler beendete (seiner Funktion im Getue um den Stuttgarter Bahnhofswahnsinn, inklusive Goebbels-Zitat), ist vielleicht typisch und jedenfalls menschlich: Wer sich oft irrt und korrigiert, macht viele Fehler und tut viel Gutes. Wer sich immer irrt und niemals korrigiert, weil er Irrtümer gar nicht bemerken kann, ist gefährlich.

Daß nun ausgerechnet der indiskutable Adelsschlonz und FDP-Schlunz Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff (kurz: A. Lambsdorff, Neffe des Großkriminellen Otto Lambsdorff, dem wir wg. Verstorbenheit nichts Schlimmes mehr nachsagen wollen) Geißlers SPD-Bonmot auf dreisteste und plumpste Weise klaut, um es den „Ostermarschierern“ aufzukleben („Fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch!“), macht wieder einmal die Unbrauchbarkeit des Urheberrechts deutlich, wenn es darum geht, unwürdigsten Mißbrauch unverstandenen geistigen Eigentums und ein Durch-die-Drecklacke-Ziehen seines Schöpfers zu verhindern oder wenigstens zu ahnden.

Gemeint ist: Ein anständiger Deutscher und NATO-Bürger hat Graf Plumpsdorff zufolge gefälligst für Krieg und nicht für Frieden zu demonstrieren! Weil er sonst den Putin unterstützt, der nämlich (so die verquere Logik) nichts anderes als Frieden will, um damit Europa zu knechten. „Putins Krieg“ ist also irgendwie ein „Friedenskrieg“, der sich nur mit deutschen Waffen verhindern – i. e.: zum Kriegskrieg umwidmen und damit wieder gegen Putin wenden – läßt, um andersrum durch Krieg Frieden zu schaffen, während die Friedensdemonstranten irgendwie militärisch sind und wahrscheinlich „schwere Waffen“ unter ihren Regenbogenfahnen verstecken. Wie doof muß man sein, um so etwas ernsthaft in die Welt zu rülpsen?

Andererseits ist der Dorffgraf vielleicht gar nicht so blöd, sondern nur gehörig einfältig, was die Absichten seiner Bosse betrifft. Oder nicht mal das, sondern einfach „interessiert“. Der Mann ist nämlich selbst geradezu eine Ein-Mann-Verkörperung des Konzepts „Fünfte Kolonne“: Gründungsmitglied der „Atlantischen Initiative“, Vorsitzender des „Exekutivkomitees“ des „Europäischen Demokratiefonds“ (einer NATO-Lobbyorganisation zur Unterstützung von „Regime Changes“ – also Umstürzen – und Finanzierung NATO-freundlicher „Oppositioneller“ in Nicht-NATO-Ländern), Mitglied der hinlänglich notorischen „Atlantikbrücke“, Mitglied der „Europa-Union Deutschland“ (antirussische Propagandatruppe, 1946 vom damaligen US-Geheimdienst OSS initiiert), Mitglied des „Transatlantic Policy Network“ (Lobbytruppe transatlantischer Großkonzerne, die mit Denkpanzern wie dem „Aspen Intitute“ und dem „Center for Strategic and International Studies“ kooperiert), Kuratoriumsmitglied der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ („FDP-nahe“, weltweit tätige neoliberale und stramm rechte Lobbyorganisation). Außerdem ist er Reserveoffizier der Panzeraufklärer, war transatlantischer „Fulbright-Stipendiat“, praktizierte bei McKinsey und gehört als Gärtnerbock neuerdings auch noch dem „Parlamentarischen Kontrollgremium“ der deutschen Geheimdienste an. In den Titeln seiner Schriften kommt das Wort „Transatlantic“ häufiger vor als „Deutschland“, und 2004 wähnte er in einer solchen Europa und „Amerika“ (gemeint waren selbstverständlich die USA) „in einer Ehekrise“. Der weiß also vielleicht schon, was er muß, wenn schon nicht was er sagt.

Es wird übrigens selten erwähnt, daß die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus nicht zuletzt auch einem Angriffskrieg zu verdanken war, den die USA gegen das Deutsche Reich führten. Streng genommen ist das nicht ganz richtig: Deutschland hatte den USA zuvor den Krieg erklärt. Daran denken sollte man aber gelegentlich doch.

Das ändert nichts daran, daß die Deutschen – die das nicht wollten – insgesamt nicht durch die USA von den Nazis befreit wurden, sondern durch die Rote Armee der Sowjetunion. Also durch: die Russen, den Erbfeind aller Erbfeinde, den die Deutschen kurz zuvor noch vollständig ausrotten wollten (daher der Begriff „Vernichtungskrieg“, mit dem gutmeinende Idioten derzeit um sich werfen wie zuvor mit ihrem sonstigen Parolenkonfetti von „Klimarettung“ bis was weiß ich) und den sie nun zumindest wieder und endlich gründlich „ruinieren“ möchten.

Daß man bei allem gut gemeinten Sarkasmus bisweilen doch wieder zornig wird, liegt an der grenzenlosen Dummheit, Bewußtlosigkeit und Lautstärke dieser entfesselten Menschenhorde, die ganz Europa in einen Krieg hineinhetzt, ohne auch nur einen Ansatz von Plan zu haben, was dabei eigentlich herauskommen soll.

Oder hat jemand in den letzten Wochen ein einziges Wort dazu gehört, was die EU und die NATO eigentlich für Kriegsziele haben, außer der (weitgehend ausgeschlossenen) Zerschlagung Rußlands samt Absetzung Putins? Wenigstens so ungefähr? Abgesehen von dem glasklaren Kriegsziel, das der „Westen“ immer hat: massenweise Waffen verkaufen und hoffen, daß irgendwas zusammenbricht? Wenigstens eine konkrete Forderung an Rußland? Irgendwas?

Kann es sein, daß sich hinter dieser absoluten Planlosigkeit nichts anderes verbirgt als die durch Panik und Hysterie verbrämte Einsicht, daß das „Modell Westen“ ein Schrotthaufen ist, der nur noch deswegen in der Gegend herumliegt, weil niemand Zeit, Lust und Kapazitäten hat, ihn wegzuräumen? Daß der gesamte „Westen“ nichts anderes mehr ist als eine halbkaputte, bankrotte Waffenfabrik, in der ein paar vergilbte Pamphlete herumflattern, die irgendwas von „Freiheit“ und „Demokratie“ erzählen, deren Verfasser aber seit Jahrzehnten tot und deren Nachfolger gehirnamputierte Vogelscheuchen sind, die in der Fabrik als Reinigungskräfte angestellt sind, aber nicht mal diesen Job machen dürfen, weil die herumflatternden Pamphlete noch gebraucht werden?

Wenn jemand ohne Not einen Krieg erst anheizt, dann bepumpt und endlich selbst einsteigt, ohne irgendein Ziel zu haben, kann das nur eines bedeuten: Der Krieg soll so lang wie möglich dauern. Das ist offenbar das einzige, was der „Westen“ noch kann: Konflikte und Kriege (gegen Viren und Russen) entfachen und sie so lang wie möglich am Kochen halten, um möglichst viel Geld abzusahnen und nach oben zu verteilen. Während man auf neue Befehle aus der Kommandozentrale wartet.

Im Gegensatz dazu sind die Ziele russischen Führung ziemlich und die der ukrainischen Führung zumindest in Umrissen bekannt. Beide haben sogar darüber verhandelt (Neutralität, staatliche Integrität usw.). Leider wurden wesentliche Verhandlungsführer der ukrainischen (also „westlichen“) Seite unmittelbar danach wegen „Verrats“ hingerichtet, was den Spielraum ihrer Nachfolger ziemlich einengt.

Was noch nicht heißt, daß der „Westen“ an diesen Morden beteiligt war oder interessengeleitet (i. e. „regelbasiert“) eingegriffen hat. Es heißt nur: Vernünftige Verhandlungen sind jetzt unwahrscheinlich. Wer hat daran wohl ein Interesse? Und wieso wurden immer dann, wenn von aussichtsreichen Verhandlungen berichtet wurde (auf „alternativen“ Medien), sofort neue Waffenlieferungen versprochen und die „westlichen“ Medien geradezu überschwemmt mit Meldungen der üblichen „bevorstehenden Chemiewaffenangriffe“? (Daß die in Syrien tätigen „Weißhelme“ diesen Fake etwas besser hingekriegt haben als die Asow-Brigaden mit ihrer Meldung über drei hustende Kämpfer, sei dahingestellt. Nazis sind nicht gut in Fakes – vgl. Gleiwitz –, weil sie sich im weltgeschichtlichen Recht fühlen.)

Bin ich, den Schlamassel insgesamt betrachtend, der einzige Mensch auf der Welt, der den Verdacht hat, daß es für den „Westen“ nicht die beste Idee war, sich auf die Weltherrschaftsphantasien von ein paar wahnsinnigen, soziopathischen Oligarchen einzulassen, statt diese geistes- und gemütskranken Bürschchen zu enteignen und notfalls (zwecks Therapie) einzusperren? Ich hoffe nicht.

1981 läßt sich Heiner Geißler von Rio Reiser und Caroline Fetscher (Irings Tochter) interviewen. Rio tippt viele „Äh“s vom Band und notiert: „Er verspricht, widerspricht sich und stottert. Hemmungslos.“ Geißler schwärmt von Strawinsky, der Dreigroschenoper und Rockmusik, was Rio lesbar ansäuert. Er könne sich in einen Hausbesetzer hineinversetzen, kalauert Geißler (unabsichtlich), spricht von „Minderheiten, Randgruppen, die Gefahr laufen, in dieser Demokratie, in der die Mehrheit bestimmt, unter den Schlitten zu kommen“, schimpft auf das „wirtschaftliche Wachstum“, „Gewinnmaximierung“ und „sogenannte Sachzwänge“, will Polizisten mit Nummern oder noch besser Namen kenntlich machen. Rio kontert mit Scheiben, die „Schmeiß mich ein!“ schreien, und Beton. Geißler ist begeistert: „Jetzt muß ich aber mal was sagen: Beton empfinde ich auch als Gewalt. (…) Es gibt in der Tat Beton als Gewalt, würd’ ich Ihnen völlig recht geben.“

Auf seine Aufforderung, sich politisch zu engagieren, verteidigt sich Fetscher: „Mach ich doch! Ich geh zum Beispiel nachts durch die Straßen und sprüh ‚Nie wieder Krieg!‘ an die Häuserwände.“ Geißler nickt: „Soll’n Sie ja! Wir leben schließlich in einer freiheitlich demokr …“

Hier schreitet sein Pressesprecher ein, flüsternd: „Das ist Sachbeschädigung. Das ist Sachbeschädigung!“ Was folgt, könnte man „Geißlern“ nennen: „Also gut, jetzt will ich einmal sagen: Wenn Sie mit einer Sprühdose an das Haus, das ich ausgebaut habe, oder was weiß ich, mit mit mit ’ner Sprühdose … Sie haben doch net das Recht, daß Sie mit ’ner Sprühdose einfach an ’ne Wand … Na ja … Gut. Von mir aus können Sie auch an ’ne Fassade was hinsprühen. Das kostet nur Geld, das wieder wegzumachen.“

So ist das mit Menschen und ihren Geschichten und der Historie: Es ist vieles relativ, vieles merkwürdig und vieles ein Riesenschmarrn.

 

(Auch heute: hilft ein Klick.)

3 Antworten auf „(periphere Notate): Wer ist hier von welcher Kolonne?“

    1. Sie schreiben über „Hass“ und „verhöhnen“ und werfen es dem Autor wie einen nassen Lappen vor die Füße.
      Dabei finde ich, Herr Seiler hat sehr gut und ausgewogen und vor allem beide Seiten betrachtend beschrieben.
      Es wäre schön, wenn Sie sich von Ihren Emotionen frei machen könnten und versuchen könnten, die Sache in einem größeren Kontext zu sehen. Dann würden Sie vielleicht sehen, dass der aktuelle Überfall der Türkei auf den Nordirak kaum jemanden zu interessieren scheint und auch der lange Krieg im Jemen, den wir mit unterstützen, kaum ein Thema in unseren Medien ist.
      Und da schreien wir als Volk nicht auf und wollen die maximale Eskalation und das Maximale an Waffen in diese Regionen verbringen.

      Warum? Weil es doch gar nicht um den Krieg an sich oder um das Völkerrecht geht. Es geht um Interessen. Und aktuell findet mal wieder einer dieser Stellvertreterkriege zwischen dem Westen und Russland und um Einfluss statt. Und nach vielen anderen Ländern wie zuletzt Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien ist halt jetzt die Ukraine dran.
      Ich kann dait auch verstehen, dass Selenskij und Melnyk sauer auf den Westen sind und sich hier eher „ungehörig“ benehmen. Die spüren, dass sie gerade verheizt werden und machen ihrem Ärger und Verzweiflung Luft.

      Noch mal zum Thema Emotionen: Wenn die, die Kriege führen wollen, es schaffen, uns richtig wütend auf Andere oder ängstlich zu machen, dann haben sie schon gewonnen. Dann wird der Verstand von den Emotionen zugedeckt und der Mensch ist beliebig steuerbar.

  1. …faschistoide Töne ? Die fände man zuhauf z. B. auf dem überwiegend proukr. Krawall-Medium twitter o.ä. aso Medien. Hass, hatred, hatemonging, Haeme bis zum Abwinken / Wo Du dich sicher nutzbringend mit Deiner recht[gläubisch]en Gesinnung einbringen kannst, Herr Norberth.

Kommentar verfassen