Was ist das „eigentlich“ für ein dummer Krieg?

„Am Mittwoch“, raunte es zuletzt aus dunklen Kanälen, „marschieren die Russen in der Ukraine ein! Diesmal endgültig!“

Ob sie das getan haben, kann ich noch nicht wissen – es ist Mittwoch, aber vielleicht noch zu früh für Kriege. Obwohl früher ja gerne schon um 5 Uhr 45 „zurückgeschossen“ wurde, aber der Mensch ist eben bequem geworden. Oder ist der „gefrorene Boden“, den russische Panzer verläßlichen Leitmedien zufolge zum Einmarschieren unbedingt brauchen, noch nicht gefroren genug? Hat die CIA mal wieder eine ganz geheime Geheimmeldung irgendwie falsch übersetzt? Steht da gar nicht „Mittwoch“, sondern „Sanktnimmerleinstag“ oder „Wie kommt die CIA immer wieder auf so einen Schmarrn“?

Ich hätte da einige Fragen, aber erst mal drängt sich meiner frühmorgendlichen Phantasie eine Vorstellung auf: Irgendwer in meinem Haus (der mich offenbar nicht sonderlich mag) ruft sechs Monate lang dreimal täglich die Polizei an und „warnt“, ich wolle in die Wohnung eines Nachbarn einbrechen. Weil die Polizei mal wieder schläft und ich energisch versichere, daß ich so was nicht vorhabe, bietet er dem Nachbarn seine Hilfe an und installiert diverse Sprengfallen in der Wohnung. Die anderen Hausbewohner werden hellhörig und erfahren von meinem perfiden Plan: Am Mittwoch sei es soweit!

Am Mittwoch passiert aber nichts. Geht dann ein Aufatmen durchs ganze Haus, weil ich das, was ich so lange akribisch geplant habe, nun „doch nicht“ tue? Ruft mich dann die Polizei an und sagt, ich solle gefälligst „klare Belege“ liefern, daß ich Zange und Schraubenzieher wieder weggepackt habe und man werde mich zukünftig im scharfen Auge behalten? Wenn ich Zange und Schraubenzieher in der Kaffeemühle zu Eisenstaub verarbeite, das filme und der Haus-NATO das Video vorführe und die sagt, „ein Beweis sei das nicht“, muß ich dann die Kaffeemühle im Ofen verbrennen? Bleiben die Sprengfallen in der Nachbarwohnung stehen? Sollte ich mir eine neue Wohnung suchen oder lieber dem denunziatorischen Giftzwerg ein Packerl Hundekot in den Briefkasten schmeißen?

Wenn der russische Einmarsch ausbleibt, wird dann die westliche Propaganda behaupten, man habe Putin zwar erfolgreich „abgeschreckt“ und er sei nun „zu Verhandlungen bereit“, der Konflikt „verschärfe“ sich aber weiter? Das wären so Fragen, die ich da hätte.

Eine davon ist auch: Wenn der wahnsinnige NATO-Oberkommandant Stoltenberg ganz offensichtlich komplett verrückt geworden ist und jeden Rückzug der Russen als „Eskalation“ und „Aufmarsch“ bezeichnet, – wieso reden dann alle über die Russen und niemand über die Gemeingefährlichkeit des wahnsinnigen Herrn Stoltenberg?

Und wo ist eigentlich diese „NATO-Ostflanke“, die Frau Baerbock so eisern verteidigen möchte? Und den „hohen Preis“, den die Deutschen ihren Worten zufolge dafür zu zahlen bereit sind, hat sie den irgendwann mit diesen Deutschen mal ausgehandelt? oder ihnen wenigstens mitgeteilt, wie hoch dieser Preis ist und ob darin zum Beispiel die atomare Bombardierung deutscher Großstädte enthalten ist?

Was hat eigentlich die NATO, was haben die USA in der Ukraine verloren, abgesehen davon, daß sie stellvertretend die Scherben zusammenkehren könnten, die der cracksüchtige und völlig verwahrloste Sprößling eines aktuellen, offenbar nicht immer gänzlich anwesenden Präsidenten als Mitglied des Verwaltungsrats eines der korruptesten Konzerne der Welt (zufällig eines ukrainischen) hinterließ, während gleichzeitig sein Daddy und der deutsche Außenminister Steinmeier irgendwelche Drähte beim Putsch gegen die Regierung in Kiew zogen?

Das wird kompliziert, zumal die meisten historischen Dokumente dazu aus Social-Media-Posts bestanden, die Löschungskampagnen zum Opfer fielen.

Aber wieso erinnern wir uns so selten daran, daß Adolf Hitler im Januar 1941 dem Oberkommando der Wehrmacht verkündete, man müsse die Sowjetunion angreifen, weil Stalin „vom Drang nach Westen beseelt“ sei und ansonsten selber ganz Westeuropa überrollen werde? Weshalb fragen wir uns so selten, warum Stalin von seinem „Drang“ so gar nichts wußte und spürte, sondern weiterhin fröhlich Öl und Getreide nach Deutschland lieferte? Bis am 22. Juni 1941 wieder einmal „zurückgeschossen“ wurde – diesmal ganz früh, vor vier Uhr! – und zwar mit der Begründung, die Rote Armee sei an ihrer eigenen Grenze aufmarschiert und manövriere dort herum!

Hat sich schon mal ein Russe beschwert, wenn die US-Armee in den USA Manöver veranstaltet, oder behauptet, dies sei ein Beweis, daß die USA erneut in Mexiko einmarschieren wollten? Und nebenbei: Kann man Militärmanöver irgendwo in der Welt für ebenso idiotisch und überflüssig halten wie in Rußland? Oder gibt es wesentliche Unterschiede? Ist irgendwo festgelegt, wer sein Territorium durch die Bereitstellung von Tötungsgerät schützen darf und wer nicht? Mußten die USA sich öfter gegen Invasionen verteidigen als Rußland? Wenn man von Rußland verlangen kann, daß es seine Kampftruppen auf eigenem Territorium von der Grenze fernhält, wieso schwirren dann eigentlich US-Kampftruppen in der ganzen Welt herum?

Was hat es damit auf sich, daß Deutschland sich beklagt, Rußland wolle nicht genug Gas liefern, während das von Rußland bestellungsgemäß nach Deutschland gelieferte Gas über Polen zum fünffachen Preis in der Ukraine landet, die sich lautstark weigert, russisches Gas zu wollen, und deshalb ihr russisches Gas nicht in Rußland, sondern in Deutschland kauft?

Was wäre eigentlich los, wenn Rußland in Mexiko und Kanada Raketen stationierte, verbunden mit der Aufforderung an die USA, endlich zu „deeskalieren“, die „Schlinge um den Hals“ von Quebec oder Chihuahua zu lockern, Texas an die zurückzugeben, denen es gehöre, sich aus den „abtrünnigen Gebieten“ (Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada, Utah, Colorado) zu verzupfen und die Unterstützung der dortigen pro-US-amerikanischen „Separatisten“ einzustellen?

Hatten wir nicht schon mal so einen Fall in Kuba? Warum gleich wieder ließ Präsident Kennedy damals stillschweigend die US-Atomraketen aus der Türkei abziehen?

Und was ist inmitten des allgemeinen Geschwafels von „regelbasierten Ordnungen“ (Scholz) eigentlich aus dem sogenannten Völkerrecht geworden? Wieso hat die als Verteidigungsbündnis gegründete NATO noch nie jemanden verteidigt, aber seit 1999 praktisch pausenlos fremde Länder angegriffen?

Wenn die ukrainische Regierung ihre russischsprachigen Bürger im Osten des Landes als gleichberechtigte Mitbürger betrachtet, wieso verbietet sie ihnen dann, ihre Muttersprache zu sprechen, hungert sie aus und bekämpft sie mit Waffengewalt, anstatt mit ihnen zu verhandeln und sich womöglich zu versöhnen, unter welchen territorialrechtlichen Bedingungen auch immer?

Warum wird das „Minsker Abkommen“, in dem es genau darum geht, in deutschen Leitmedien immer so seltsam (und falsch) erklärt – als müßte da die Ukraine mit Rußland verhandeln, als wären nicht Frankreich, Deutschland und Rußland lediglich „Garantiemächte“, die an den Verhandlungen zwischen der ukrainischen Staatsführung und den „Separatisten“ teilnehmen, und warum weigert sich die ukrainische Staatsführung seit sieben Jahren, mit den „Separatisten“ zu verhandeln, obwohl sie das Abkommen unterzeichnet und sich damit genau dazu verpflichtet hat?

Weshalb erklärt der ukrainische Staatschef öffentlich, es stehe überhaupt keine Invasion bevor und die NATO solle mal nicht so einen Circus veranstalten? Und was meinte der ansonsten selten vertrauenswürdige Ex-US-Präsident George H. W. Bush gleich wieder, als er am 1. August 1991 im ukrainischen Parlament vor „selbstmörderischem Nationalismus“ warnte? Hat das hiermit überhaupt etwas zu tun?

Kann es sein, daß die Leute, die sich hinter dem senilen Pappkameraden Biden verbergen und ihre eigennützigen Strippen ziehen und flechten, nach den ganzen Pleiten und Desastern, für die dessen bisherige Präsidentschaft steht, endlich mal eine hübsche Schlagzeile kriegen wollen, damit ihnen die Regierung nicht vor Ablauf der vorgesehenen Periode um die Ohren fliegt und der Trump wieder daherstapft? So was wie „Heldenhaftes Ringen: Biden trotzt Putin und verhindert Einmarsch in die Ukraine in allerletzter Sekunde!“ vielleicht?

Kann es weiterhin sein, daß der finstere Diktator Putin kein solcher ist, sondern ein schlauer Fuchs, der in dieser seltsamen Kriegskrise die Möglichkeit erspäht, die Widersinnigkeit und Paradoxie des gesamten Unternehmens NATO so deutlich vorzuführen, daß es ihm dadurch tatsächlich gelingen könnte, nicht nur seinem Land und dessen Bevölkerung ein bißchen mehr Sicherheit zu verschaffen, sondern das Zeitalter zu beenden, in dem so gut wie die gesamte Weltpolitik auf der ständigen Bedrohung des ganzen Planeten durch die NATO und ihre Gier nach noch mehr Macht beruht?

Wäre das eine hoffnungsvolle Aussicht oder eine schreckliche Vorstellung? So viele Fragen, so wenige Antworten. Es ist spät, der Mittwoch nähert sich dem Ende; der russische EU-Botschafter sagt, Kriege begännen in Europa sowieso selten an einem Mittwoch. Und der Radio meldet aus den USA, es gebe diesmal nun aber wirklich unwiderlegbare Hinweise und Anzeichen für einen russischen Einmarsch in den nächsten Tagen. Putin wolle und werde dafür einen „Vorwand“ nutzen. Oho! Aber auch das haben wir schon mehr als einmal gehört, zuletzt vor einer Woche.

Legen wir uns hin, warten wir’s ab.

(Anmerkung: Eine überarbeitete und destillierte Version dieses Texts erscheint am 23. Februar im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.)

11 Antworten auf „Was ist das „eigentlich“ für ein dummer Krieg?“

  1. ich bin 2016 zweimal nach Donezk gefahren, über Rostow/Don nach Novorossia
    ich schrieb dort Tagebuch und es stehen einige Sachen drin, die hier nicht so bekannt sind. Ich werde jedem, den es interessiert, die Datei dieser Reise schicken. bei Interesse: info@klaus-burger.com

    1. Ich habe ihren Text in der IN München gelesen – weil ich ihre Texte dort immer ganz gerne lese. Auch oder gerade weil ich politisch öfter anderer Meinung bin. Den Text über den dummen Krieg hätte ich am 23.02. aber zu mindestens 90% unterschrieben. Ich habe ihn aber am 04.03. gelesen – und leider ist die Lage nun eine deutlich andere. Würden sie den Text heute noch so veröffentlichen ?

  2. Eigentlich würde man doch sagen: Was dort gemacht wird, ist ziemlich dumm. Man kündigt ein Ereignis an, das dann nicht eintritt, mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass man sich beim Publikum, also bei uns, unglaubwürdig macht.

    Aber da es nun einmal von von Strategen gemacht wird, deren Beruf das ist und die sich mit Kriegführung und auch mit psychologischer Kriegführung auskennen, kann es ja eigentlich nicht so dumm sein.

    Aber ich komme nicht dahinter. Was zum Teufel soll so schlau daran sein?

    Vielleicht hoffen sie einfach auf den Propaganda-Effekt? Also, man erzählt ganz oft und in Dauerschleife, dass die anderen total böse und gefährlich sind und hofft, dass die Leute das dann irgendwann glauben? Aber das würde man doch besser nicht auf so eine PLUMPE Art machen!

    Hat jemand eine plausible Theorie?

    1. Es erscheint mir nur mittelmäßig plausibel, aber womöglich spielt die Verwicklung von Jake „Al-Qaeda is on our side in Syria“ Sullivan, der ja auch schon 2014 ausweislich des Nuland-Pyatt-Telefonats in den Prozess der Regierungsbildung in der Ukraine involviert war, in Russiagate eine Rolle. Rusiagate fällt nämlich gerade auseinander (vgl. Jimmy Dore und der große Aaron Maté, dessen Interview mit dem entsetzlichen MI-5-Journalisten Luke Harding vom Guardian wirklich jede/jeder gesehen haben sollte), worüber aber niemand so recht berichten will (Carsten Luther zum Beispiel, der für die Zeit damals gefühlt jeden zweiten Tag einen Trump-Putin-Collusion-Robert-Mueller-Artikel heraushaute, äußert sich nicht mehr zu dem Fall). Also innenpolitische Gründe, „Wag the Dog“ etc. kombiniert mit dem leider richtigen Gedanken, dass alles, was der Aufrechterhaltung eines Gefühls der Bedrohung in der Bevölkerung dient, gut für die Herrschenden ist.

  3. „Sadams Geheimwaffen“, „Islamisitischer Terror“, „Corona-Virus-Pandemie“, „Russischer Einmarsch in die Ukraine“, „Rechtsradikale-Querdenker-Negationisten-Verschwörungstheoretiker“, „Russische Desinformation“… Was kommt als Nächstes?

  4. Dann marschieren sie halt am 20. oder 22. oder sonstwann ein. / was sagst dann ?: – NATO Lügengebäude immer noch zusammengebrochen ? (vgl. Sakharova mit billigem Spott Anfang dieser Woche)

    Mache man es sich nicht zu einfach.

    Kurz: Westen hat in diesen Regionen (fast) nichts zu suchen. Oder zu bestellen. Vielen Dank für das nun bald als gründlich gescheitert zu betrachtende „Expansion maneuver“ der Free World EU NATO USA in den Ostraum, wie es ab 2013/14 mit dem krönenden Scheinerfolg des ousting of Yanukovich ablief. – Pfft. Hohn.

    & Duck and Cover.

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