(periphere Notate): Neil Young und der Ochs in Berg

Das Possenspiel ist ein traditioneller Weg, sich einerseits der Irrsinnszumutungen des Lebens zu entledigen (so wie sich ein Hund schüttelt, wenn der Herr mal wieder sein „Aus! Ab! Platz“-Geblök ausgestoßen hat) und dies andererseits ohne Libretto und Drehbuch zu tun, um im (scheinbar) improvisierten Fluß der Gesten und Worte dem Käfig von Zensur und Sprechvorschriften zu entschwimmen.

Der Hanswurst der Posse darf also tun und sagen, was die anderen nicht tun und sagen dürfen; schließlich ist er ein Hanswurst und legt die Wahrheit nur deswegen offen dar, weil er ein Narr und die Wahrheit närrisch ist. Logik, Vernunft und Moral, wie sie die herrschende Klasse definiert(e), dienen dabei höchstens als Pappendeckel, in den man das Pulver wickelt, damit es schön pufft und knallt. Was herauskommt, ist am Ende auch egal, weil die Verhältnisse sowieso nicht zu ändern sind, man ihr eisernes Korsett aber nur erträgt, wenn man es bisweilen mit einem lauten Furz zum Scheppern bringt.

Den beflissenen Aufklärern mit ihrem Bemühen um moralische Zurichtung des Menschenviehs waren die „Haupt- und Staatsaktionen“ (Gottsched) der Possenspieler ein Dorn im strengen Auge. Der Hanswurst mußte von der Bühne, um im Leben und Streben den strengen Gleichschritt nicht zu stören. Noch der begnadete Unfug und die Zerstörungsorgien, mit denen Stan Laurel und Oliver Hardy zweihundert Jahre später Kinosäle in tobende Hot Spots der Unvernunft verwandelten, riefen Sittenwächter auf den Plan, die um die knechtische Moral von Arbeit, Fron und Krieg fürchteten. Und zwar zu Recht: Schließlich bekam das unterworfene Volk da vorgeführt, daß die Mechaniken der Gesellschaftsmaschine keine naturgesetzlich fundamentierte Zwangsstruktur des Universums vorstellen, sondern durch ein bißchen widerständigen Blödsinn und anarchistischen Unverstand zu Klump und Asche gehauen werden können, auf denen bald Blumen blühen.

Welch romantische Menschlichkeit sich darin niederschlug und ausdrückte, mag man damit belegen, daß Stan Laurel nach dem Tod von Oliver Hardy (1957) weiterhin und bis zu seinem eigenen Tod 1965 manisch Szenen für das Duo schrieb – als wollte er sich selbst noch gegen die äußerste Manifestation irdischer Logik mit Slapstick zur Wehr setzen und der Zwangsläufigkeit des Sterbens zumindest die Zunge blecken, wenn er sie schon nicht mit einem Kanonenschlag im Hintern wegböllern konnte.

Daß die bestimmenden Eigenschaften des Menschen die Dummheit, die Ungeschicklichkeit und die sture Verweigerung von Erkenntnis sind, wird niemand bestreiten können, der die letzten zwei Jahre erlebt hat. Das ist gerade deshalb so frappant, weil auch die jeweiligen Gegensätze hier und da aufscheinen, oft einzeln und in widersprüchlicher Verbindung – Intelligenz und Dummheit etwa kommen einander öfter näher oder gehen gar eine unverbrüchliche Verschmelzung ein, als dem nur Dummen, gegen jede Erkenntnis besinnungslos Anstreitenden begreiflich werden kann. So lacht der Weise (oder wenigstens Kluge) über die eigene Dummheit, der dumme Intelligente und der intelligente Dummkopf hingegen können die eigene Weisheit selbst dann nicht erkennen, wenn sie im Possenspiel unter dem Gelächter aller anderen zu Tage tritt. In eskalierender Wut schimpfen und schlagen sie dann wie Rohrspatzen alles nieder, was sie mit Einsicht und Erkenntnis zu infizieren droht.

Der strengen Zensur entging die Posse, indem zwar dem Zensor Texte vorgelegt wurden, die aber höchstens Rudimente dessen waren, was dann tatsächlich gesprochen, gesungen und gezeigt wurde. Besonders ärgerlich und störend fiel und fällt dies auf, wenn die Posse nicht im Theater gespielt wird, sondern im „wirklichen“ Leben sich ereignet, ohne daß sich die (oder alle) Beteiligten ihrer Rolle bewußt sind.

Ein schönes Beispiel für eine solche Posse läuft derzeit im beschaulichen Berg am Würmsee (den Auswärtige als „Starnberger“ kennen). Hier lebt neben Prinz Luitpold, Peter Gauweiler und Oliver Bierhoff auch der Fernsehproduzent und Hörspielautor Andreas Ammer, der sich seit 1990 in die oberste Riege des deutschen Kulturbetriebs hineingeschaftelt hat und dabei kaum eines der so gerne beschworenen „Tabus“ verschonte, deren großgestischer Bruch vor eingeweihtem Oberschichtpublikum karrierefördernder wirkt als alles andere, was ein Betriebskünstler im bundesrepublikanischen Oberschicht-Kunstgebimsel anstellen kann: RAF, Nazis, Marx, Horror, Dante, Fußball und Valentin – was immer gerade oder generell für einen „Aufreger“ gut war, „griff“ er „auf“, oft in werbewirksamer Kooperation mit anderen, goetheinstitutisch oder sonstwie geadelten Tabubrechern.

Ammer lebt nicht nur in Berg, sondern wirkt dort auch politisch, als Mitbegründer einer Wählervereinigung mit dem hübschen Namen QUH („quer – unabhängig – heimatverbunden“). Gegen Unabhängigkeit und eine gewisse Verbundenheit mit der Heimat wird kaum jemand etwas sagen wollen, aber „quer“ zu sein oder gar zu denken ist in diesen Zeiten höchst verdächtig.

Wie das aber in Bayern so ist, gehört auch hier ein Pfund Salz aufs Gesagte. Der typisch bayerische „Unabhängige“ ist traditionell in ein unüberschaubares Netz von Abhängigkeiten eingeflochten, der „Heimatverbundene“ mag vor allem keine Zureisenden, die sich da ebenfalls einzubinden trachten, und stellt die Heimat gerne mit Blechschuppen, Einkaufszentren, Fabriken und sonstigem Industriezeugs zu. Der bekannte „Querschädel“ schließlich zeichnet sich durch eine Sonderform der Borniertheit aus, die prinzipiell erst mal gar nichts und am Ende, wenn alles platt ist, noch viel weniger einsieht.

Nun zur Posse, die nicht leicht darzulegen ist, weil sich wie meist in Bayern vieles struppig ineinanderwirrt und jedes vermeintlich Faktum auch sein Gegenteil sein kann. Eine propagandistisch verschwurbelte Meldung in der „Süddeutschen Zeitung“ („Wie viel Querdenkertum steckt in der Ausstellung?“) gibt Außenstehenden wenig Aufschluß, da sie sich nur an eingeweihte Glaubensbrüder richtet, deren Moral sie kräftigen soll.

Es geht selbstverständlich um den heiligen Krieg gegen „Corona“, den unsichtbaren Feind, der Berg schlimmer heimsucht als andere Orte: Auf 2.601 lautet die „Inzidenz“, die das Wüten des wilden Virus in die Wirklichkeit wuchten soll, wo man sonst nicht viel davon bemerkte (zum Vergleich: In Dänemark, wo gerade sämtliche Sanktionen aufgehoben wurden, liegt sie über 5.000). Entscheidend für die Niederringung von Mikroorganismus und Alarmzahl ist die Kampfmoral, der jede abweichlerische Weichheit den Dolch in den Rücken rammt. Das gilt auch für die Kunst: Sie diene der moralischen Stählung, ansonsten fliegt sie hinaus!

Die 2016 gegründete Münchner Künstlergruppe „Superfluid Violett Ultra“ (man könnte so etwas nicht erfinden, es wäre übertrieben) hat offenbar im Rahmen einer „Schau“ im „einst königlichen Pferdestall“ (SZ) in Berg dieses Gebot gebrochen, indem sie ihren im Herbst 2017 begonnenen „Feldzug der Kunst“ dorthin trug: In der Einladung wurde zur „Rebellion gegen die immer wieder versuchte Unterdrückung der Kunst durch das Kulturzuchtprogramm“ aufgerufen. Und dann war auch noch die Rede von „entarteter Kunst“, auf Facebook! Zudem, so teilt die SZ weiter mit, habe die Kölner Schauspielerin, Autorin und Malerin Philine Conrad, eine der Gründerinnen der deutschlandweiten Initiative „Kunst ist Leben“, unter dem Titel „Geistige Gefangenschaft“ Gedichte veröffentlicht, in denen es um „Zombies“ auf den Straßen geht, deren Gedanken „eingesperrt sind in einer Kiste“.

Ja, seid ihr des Wahnsinns! Am Ende dreht in Hollywood noch jemand einen „Blockbuster“ über „Zombies auf den Straßen“! Oder das deutsche Bildungsfernsehen wiederholt seine Erfolgsserie „Rappelkiste“!

Aber damit nicht genug: Die verpönte Initiative, die im Pferdestall ein Festival veranstalten wollte, hatte sich auf ihrer Webseite auch noch einen Link zu der Videoreihe „#allesaufdentisch“ erlaubt! „Sie gilt als zweite Staffel der Querdenker-Serie ‚Alles dichtmachen‘, die FAZ bezeichnete diese mal schlicht als ein [sic] ‚Kessel Schwurbel‘“ (SZ). Triggerwarnung!

Gott und Ammers Querschädelherde sei Dank ist Berg aber stramm auf Linie: „Bei aller Sympathie für übertreibende Künstler“, meinte der QUH-Oberochse, „manche Sachen gehen halt gar nicht.“ „Mulmig im Magen und schwer auf der Brust“ sei ihm geworden. „Sein Eindruck“ (SZ): „Die Querdenker wollten die Kunst und das im Marstall angekündigte Festival ‚nur als Vehikel benutzen‘. Womit sie dahin zu fahren gedachten? Direkt in die Pandemieleugnung vermutlich, also ins Jenseits der absolut unaussprechlichen Tabus.

Die seit einer Woche laufende Ausstellung wurde sofort abgebrochen, das Festival wegen dringender Gedanken-Infektionsgefahr ebenfalls, die brave QUH machte „muh“ und „distanzierte“ sich unter dem Titel „Kunst ist das … eher nicht.“ „Nach einer genauen Lektüre (…) der Biographien haben wir uns entschlossen, den Hinweis auf die Veranstaltung hier im Blog zu löschen.“ Weil Tabu ist Tabu, das bricht man gefälligst nur dann und so, wenn und wie es der Oberschicht-Kulturbetriebsschickeria und den vorauseilenden Handlangern der Pharma-Philanthropokraten gefällt! Vielleicht gibt’s nächstes Jahr dann was mit Hitler, Beethoven, Wilhelm zwo, Blixa-Bargeld-Geträller und ein paar unverfänglichen O-Tönen von Ulrike Meinhof. Da geht auch eine Subvention her.

Ein Kommentator fand: „Das ist die Zensur von Kunst, die gegen Zensur von Kunst Stellung bezieht.“ Dem kann ich wenig hinzufügen, höchstens dies: daß genau das dringend nötig ist. Wenn nach so einem Kunstgebimse in den Pflegeheimen außenrum Millionen sterben, will’s wieder keiner gewesen sein!

In Zeiten, wo man sich auf Demonstrationen gegen Maskenzwang und Kontaktverbot Masken ins Gesicht schnallen und Abstand halten muß, darf halt auch die Kunst nicht aus der Reihe tanzen. Sonst siegt das Virus und nicht das WEF!

Vom Ochsen-QUH-Dimpfel zum Holzfällerklampfendimpfel: Seltsam, aber wahr – ich habe mich nie getraut, öffentlich zu sagen, daß ich Neil Young schlimm finde. Möglicherweise ein Rest von jugendlicher Unsicherheit, „ob man den nicht gut finden muß“, der mangels Gelegenheit nie aufgearbeitet wurde. Aber ja: Ich fand Neil Young irgendwie schon immer schlimm. Und warum? Seine jahrzehntelang dauerhaft schlechte Laune und Miesmuffelei kann es kaum sein. Sein manchmal nervtötendes Genöle, die kreuzbanalen Songs, „Heart of Gold“, die seltsamen Aussetzer, die man ihm auch noch als „Widerstand gegen die Zwänge des Popgeschäfts“ (oder so ähnlich) gutschrieb? Egal, muß ich ja nicht hören. Die noch kreuzbanaleren Gitarrenlärmorgien, für die man ihn als „Rebell“ oder „Verweigerer“ (oder so ähnlich) feierte? Kann sein. Ich liebe Gitarrenlärmorgien, wenn zum Beispiel Ritchie Blackmore oder Steve Jones beteiligt sind, weil einem dabei heiß und kalt wird und man eine Revolte gegen Autokraten, Oligarchen, Kulturbetriebsspießer und alles mögliche vom Zaun brechen möchte. Bei Neil Youngs gequältem Krummbuckelgedröhn wird mir nichts; da könnte ich mir auch das Gebrumm eines alten Kühlschranks über einen Hiwatt-Verstärker anhören (wenn ich wollte).

Aber hey, hat er sich nicht damals für Vinyl und gegen MP3s „ausgesprochen“? Kann sein; Geld verdienen wollte er ja auch, mit irgend so einem anderen Format, war mal ein Zweitagsfliegenthema in der Musikpresse und mir egal. Und gegen Lynyrd Skynyrd hat er sich doch auch „geäußert“, wegen „Sweet Home Alabama“ und Rassismus/Chauvinismus und so, und dafür „tüchtig eingesteckt“. Ja, gut. Ehrlich gesagt, mich interessiert nicht mal, wie viele Platten weniger er ohne solchen PR-Schmarrn verkauft hätte und ob das mit dem Skynyrd-Management abgekartet war.

Jetzt soll ich mich schon wieder über Neil Young aufregen. Diesmal geht die Geschichte so: Der linksliberale Comedian und Podcast-Interviewer Joe Rogan hatte zwei hochprominente Wissenschaftler und Forscher interviewt, die dafür bekannt sind, Glaubensdogmen der „Corona“-Kultgemeinde mit Fakten in Frage zu stellen. In Zeiten ohne überbordenden religiösen Massenwahn wäre das etwa so problematisch wie wenn zwei Theologen darüber streiten, ob Jesus an einem Dienstag oder Donnerstag geboren ist. In solchen Zeiten leben wir aber nicht.

Neil Young fühlte sich durch Rogans lästerliches Treiben so in seinem Empfinden verletzt, daß er der erregten „Öffentlichkeit“ mitteilte, er werde seine Musik nicht mehr über den ultrakapitalistischen Streamingdienst Spotify vertreiben lassen, solange dort auch die Sendung „The Joe Rogan Experience“ verfügbar sei. Ich gebe zu: Ich bin voreingenommen. Rogans Interviews liegen mir sehr am Herzen, eine Welt ohne Neil Young hingegen stelle ich mir nicht schlimmer vor als die derzeit existierende. Von Spotify wiederum halte ich absolut nichts, von Youtube auch nicht, aber irgendwie muß ich Rogan ja hören. Es ist also nicht so simpel, zumal hinzukommt, daß sich Nils Lofgren und Joni Mitchell mit Herrn Young „solidarisierten“ und ebenfalls bei Spotify ausstiegen.

Von Lofgren weiß ich, daß er Gitarre spielen und gleichzeitig auf einem Trampolin hüpfen kann oder konnte und daß er als Begleitmusiker bei Bruce Springsteen und Neil Young angestellt war. Für Lou Reeds bizarr-peinliches Album „The Bells“ schrieb er einen Song, den er ziemlich ungeschickt bei Luisa Fernandez’ fürchterlichem Discohit „Lay Love On You“ abgekupfert hatte; Reed textete dazu „Stupid Man“ und meinte vielleicht nicht Lofgren, sondern sich selbst. Außerdem habe ich im August 1979, als Jürgen Herrmann mal für Thomas Gottschalk als Moderator von „Pop nach 8“ einsprang und mich eine Stunde lang mit sülzigem Softrock-Honigkäse übergoß, Lofgrens Song „Shine Silently“ gehört und fand ihn noch schleimiger als den Rest der Sendung. Ich habe also ein Vorurteil gegen den Herrn.

Joni Mitchell hingegen mochte ich immer sehr; einige ihrer Sachen finde ich seltsam bis daneben, aber im Gegensatz zu „The Bells“ und obwohl mir Lou Reed aus biographischen Gründen mehr bedeutet als sie, höre ich sie mir hin und wieder an, um mein Urteil zu überprüfen. Aber gut, Frau Mitchell ist 78 und leidet an der Morgellons-Krankheit, da ist ihre Angst vor Covid vielleicht verständlich. Zudem kennt sie Neil Young seit einem halben Jahrhundert, also mag sie sich meinetwegen mit ihm „solidarisieren“; ich habe auch ein paar zwielichtige Altbekanntschaften und glaube nicht, daß ich das gleiche täte, aber wer weiß.

Was wir wissen, ist, was Neil Young selber schrieb (in einem „offenen Brief“ auf seiner Webseite, der inzwischen gelöscht wurde): „Spotify verbreitet gefälschte Informationen über Impfstoffe – die möglicherweise den Tod jener verursachen, die die von ihnen verbreiteten Informationen glauben.“

Das ist selbstverständlich Bullshit. Niemand stirbt, wenn er erfährt, daß Covid einem gesunden 15-, 35- oder 75jährigen absolut nichts anhaben kann, daß die „Impfung“ eine gefährliche experimentelle Medikamentierung ist und daß verurteilte Schwerverbrecher damit Geldmassen abzocken, die man sich vor ein paar Jahren noch nicht mal vorstellen konnte. Aber mei, muß der Neil das wissen?

Der interessiert sich nämlich (und das ist dann doch ein bisserl käsig) sowieso für was anderes, wie er in einer zweiten Mitteilung (möglichst) die ganze Welt wissen ließ: „Als ich Spotify verließ, ging es mir besser. (…) Spotify verkauft euch reduzierte Musik. (…) AMAZON, APPLE MUSIC und Qobuz liefern bis zu 100% der heutigen Musik, und sie klingt viel besser als der beschissene reduzierte und neutralisierte Sound von Spotify. Wenn ihr Spotify unterstützt, zerstört ihr eine Kunstform. AMAZON, APPLE MUSIC und Qobuz liefern jetzt das echte Ding. Steigt um – zu den Firmen, die die Künste unterstützen. Da gibt es den echten Sound. AMAZON, APPLE MUSIC und Qobuz. Ihr müßt einfach nur Spotify verlassen und da hingehen, wo man sich wahrhaftig um musikalische Qualität sorgt. Liebt die Erde, seid gesund.

Also geht es um: Geld. Oder? Ich meine: Amazon und Kunst? Apple und Unterstützung? Qobuz und … ähm, Kwörburlz? In welcher Welt lebt der alte Zausel, und für wie blöd hält er uns?

Aber na gut: Neil Young ist auch schon 76. Ob er an der Morgellons-Krankheit leidet, weiß ich nicht (optisch bezogene Anspielungen verbieten sich aus Gründen der Höflichkeit). Vielleicht hat er andere Gründe, sich so arg vor Covid zu ängstigen, daß er dessen Predigern derart willenlos auf den Leim gegangen ist. Vielleicht steckt dahinter ein schon lange inkubierter Grusel vorm Krankwerden. „Wenn du in den Supermarkt gehst und eine Schwuchtel an der Scheißkasse siehst, willst du doch nicht, daß der deine Kartoffeln anfaßt!“ lautete 1985 seine Ansicht zum Thema AIDS.

Vielleicht mag Herr Young Schwäche generell nicht so. Zur Arbeitslosigkeit äußerte er sich einst mit diesen Worten: „Hört auf, euch von der Regierung unterstützen zu lassen! Geht raus und arbeitet! Man muß die Schwachen zwingen, auf einem Bein zu stehen. Oder auf einem halben Bein, was immer sie halt haben.“ Man könnte dagegenhalten, daß Young selbst auf nicht wenigen seiner Alben ziemlich beinlos dasteht oder vielmehr in einem Schlammtümpel treibt („Everybody’s Rocking“ anyone?). Aber ehrlich: Was soll’s?

Daß ich mich schon wieder nicht richtig über den blöden, selbstsüchtigen, geldgeilen Opa Neil Young aufregen kann, verdanke ich vielleicht auch Joe Rogan. Der erzählte, als man ihn auf die „Kontroverse“ ansprach, wie er mit 19 in Massachusetts als Ordner bei einem Stadionkonzert von Neil Young arbeitete, mittendrin einfach nach Hause fuhr und den Job damit sozusagen tätlich kündigte, weil er keinen Bock mehr hatte, die Leute auf der Wiese hinter dem bestuhlten Bereich daran zu hindern, sich an improvisierten Lagerfeuern zu wärmen. „Ich bin nicht sauer auf Neil Young, ich bin ein großer Neil-Young-Fan, war ich immer“, sagte er. Und das: „Auf dem Heimweg hab ich ‚Keep on rockin in a free world‘ gesungen. Also Schwamm drüber, was Neil Young angeht. Definitiv nichts für ungut auch, was Joni Mitchell betrifft. Ich liebe auch sie. Ich liebe ihre Musik. ‚Chuck E.’s In Love‘ ist ein großartiger Song.“

Der Mann hat Witz: „Chuck E.’s In Love“ ist von Rickie Lee Jones. Wenn Joni Mitchell davon erfährt, wachsen ihr wahrscheinlich ein paar neue Morgellons.

(Ich habe weitere Vorurteile: Jones’ Album „Traffic From Paradise“ ist eine der zehn oder zwanzig Schallplatten, ohne die ich mir ein Leben nicht vorstellen kann. „Chuck E.’s In Love“ handelt von Chuck E. Weiss, der Titel stammt von Tom Waits, und ehrlich gesagt sind mir auch diese beiden lieber als Neil Young. Was alles nichts heißt und sowieso keine große Bedeutung hat, sich also wahrscheinlich insgesamt auch in Berg am Würmsee ereignen könnte.)


3 Antworten auf „(periphere Notate): Neil Young und der Ochs in Berg“

  1. Lieber Michael Sailer, wenn ich darf, sehr herzlichen Dank auch für diesen schönen Text! Ihre Blogeinträge sind, wie sagt man noch, ein Lichtblick in finsteren Zeiten.

    Als Freund von Youngs „Krummbuckelgedröhn“ (natürlich liegt er in Sachen Joe Rogan und vor allem Malone und McCullough so falsch wie er seinerzeit mit seiner Unterstützung für Ronald Reagan falsch lag) und auch vielen seiner Lieder habe ich allerdings eine kritische Anmerkung: Was glauben Sie, haben sich Richard Lloyd und Tom Verlaine angehört, bevor sie „Marquee Moon“ aufgenommen haben? Natürlich unter anderem „Down by the River“ und „Cowgirl in the Sand“ („Cortez the Killer“ und „Like a Hurricane“ gab es ja noch nicht).

    Ich teile mithin Nick Kents Einschätzung aus seiner famosen Rezension von „Marquee Moon“: „As far as I’m concerned, as of this moment, Verlaine is probably the most exciting electric lead guitar player barring only Neil Young.“

    Und nein, mit den Worten und dem Denken hat es Young nicht so, und man kann auch nichts dagegen machen, wenn einem seine Stimme und sein Gitarrenspiel nicht zusagt.

    Bleiben Sie weiterhin bei Verstand. Ich bemühe mich auch. Herzlichst, RA

    P.S. Sehr empfehlenswert ist das Interview mit dem Yale-Epidemiologen Harvey Risch bei Rubikon. Ein Fall für Joe Rogan…

    1. Lieber Ralf Anders,
      danke. Ich weiß: Meine Vorurteile sind zufallsabhängig, wie alle Vorurteile. Ich bin halt ohne Neil Young bei „Marquee Moon“ gelandet, das ist Schicksal. Man kann auch nichts machen, wenn seine Stimme und seine Gitarre einem zusagen; Steve Jones ist auch kein Heiliger, Elvis Costello sowieso nicht, und von Wendy James will ich gar nicht reden (never mind the unmentioned) …
      Das Risch-Interview habe ich gesehen; ich fürchte, es bleibt so unbeachtet wie alles, was zwei Meter links vom Katechismus passiert …

  2. Wunderbar, was Dir alles, ebenso wie mir, am Arsch vorbeigeht. Als Neil Young „Like a hurricane“ sang und dabei umwerfend schön gezogene Flagolets aus seiner Gitarre in die Luft wirbelte, war er und bleibt er einer meiner Männer auf der Bühne, jetzt ist er wieder grantelig senil und Deine Beschreibungen von Leuten wie Lofgren sind naja, klar, was für ein Schmarren ist das alles … ! Ich höre kaum noch was von diesen Leuten ….

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