(Aus dem tiefen Archiv:) Die (Früh-)geburt des Punkrock

Fast fünfzig Jahre ist es her, daß im New Yorker Mercer Arts Center zum ersten Mal eine Band auf der Bühne stand, von der man später sagte, sie sei an allem schuld gewesen, was sich danach auf dem Gebiet der Pop- und Rockmusik getan und verändert hat – von Punk über Grunge bis Heavy Metal und wieder zurück. Vor fast zwanzig Jahren habe ich versucht, die Geschichte aufzuschreiben.

April 1972: Vor zehn Jahren (am 7.) lernten Mick Jagger und Keith Richards Brian Jones kennen und gründeten die Rolling Stones, vor zwei Jahren (am 10.) gab Paul McCartney seinen Ausstieg bei den Beatles bekannt. Vor sechzig Jahren (am 14.) ist die Titanic gesunken. Teeniestar David Cassidy feiert mit „Could It Be Forever“ seinen ersten Single-Hit, Neil Young seinen einzigen („Heart Of Gold“). Fast eine halbe Million Deutsche kaufen Juliane Werdings „Am Tag als Conny Kramer starb“, die britische Musikpresse taumelt in den Wogen der Glam-Hysterie, während deren Hauptprotagonist Marc Bolan behauptet, Glamrock sei „tot“. Das niederländische Parlament begnadigt die drei letzten inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher, der Volkswagen „Käfer“ ist das erfolgreichste Auto der Welt, und das Bundesverteidigungsministerium beschließt einen „Erlaß zur Haar- und Barttracht der Soldaten“.

In New York bereiten sich unterdessen fünf Teenager mit alles andere als militärischem Kopfbewuchs eifrig auf ihren ersten Auftritt im Mercer Arts Center vor. Die Band ist in ihrer jetzigen Besetzung fast zwei Monate zusammen, da wird es höchste Zeit, ihren Plan in die Tat umzusetzen: inmitten der Rock-’n’-Roll-Wüste New York wie eine Bombe aus Mascara, Glitter und Sex explodieren, die Stadt auf den Kopf stellen und selbst Superstars werden. Zwei oder drei Gigs haben sie schon hinter sich, der erste fand zu Weihnachten 1971 im Endicott Hotel statt, einer Obdachlosenunterkunft gegenüber dem Proberaum der Band, der wiederum eigentlich ein Fahrradladen zwischen Columbus Avenue und 82ndStreet in Manhattan ist. Tagsüber verkauft darin in ein Freak namens Rusty seine Drahtesel, abends sperrt er die Band im Hinterzimmer ein, die sich dann die Nacht mit Wodka, Haschisch und einem wachsenden Set von R-&-B-Covers nebst einigen eigenen Nummern um die Ohren schlägt, bis Rusty morgens wieder aufschließt.

Daß es eine höchst eigenartige, bizarre und enorm wichtige Sache werden würde, war den meisten vorher klar, aber niemand konnte in seinen kühnsten Träumen ahnen, wie bizarr, wie eigenartig und vor allem wie wichtig für die Zukunft der gesamten Popmusik jener Abend im April 1972 sein würde, als die fünf Typen erstmals die Bühne im „Oscar Wilde Room“ des Mercer Arts Center betraten – bis an die Grenze der Lächerlichkeit maskiert und geschminkt, auf ellenhohen Absätzen und mit Frisuren, gegen die Rod Stewarts Ananas-Gefieder wie der Kopfputz eines biederen Bankangestellten wirkte. Das Center ist ein Treibhaus für derartige Gestalten – einen Block vom Broadway entfernt, liegt es direkt neben dem verfallenden Broadway Central Hotel und besteht aus einer ganzen Reihe von leerstehenden Bühnenräumen und Galerien jeder Größenordnung, die der theaterverliebte Klimaanlagenmogul Art Kaback nach Autoren wie Oscar Wilde und Bernhard Shaw benannt und in eine Art kreatives Labyrinth im Clockwork-Orange-Stil verwandelt hat. Viel ist dort aber nicht los, und da Kaback Millionen in das Gebäude investiert hat, ist Hausagent Mark Lewis auf der verzweifelten Suche nach Attraktionen an die New York Dolls geraten, die er unter anderen Umständen nicht unter den Sammelbegriff „Kultur“ eingeordnet hätte.

Hier sind sie, im Gegenuhrzeigersinn ungefähr durcheinander: Arthur Harold Kane, extrem schüchterner Nachkomme irischer Einwanderer aus der Bronx, der sich seit dem Tod seiner Mutter vom Schulstreber zum dauerbedröhnten Rumtreiber und LSD-Surfer gewandelt hat, am Baß, den er auf höchst eigenwillige Weise bedient: „Er kann nicht gleichzeitig atmen und spielen, also holt er tief Luft, spielt viele Noten, schnauft noch mal und fängt wieder an zu spielen“, erzählt sein Sänger. Der heißt David Johansen, hat eine irische Mutter und einen norwegischen Vater, sieht aus wie eine Kreuzung aus Simone Signoret, Mick Jagger und einem Zollstock zum Zusammenklappen und erzählt gerne viel: Seine Vergangenheit als Pornodarsteller, von der er erbleichenden Journalisten wüste Anekdoten berichtet, hat er sich größtenteils zusammengeschwindelt. Immerhin kann Johansen tatsächlich mit einer Verbindung zum Warhol-Clan und einigen kleineren Underground-Theater- und -filmrollen aufwarten. Unter seiner Achsel versteckt sich Gitarrist Sylvain Sylvain, der eigentlich Mizrahi heißt und nach der Suez-Kanal-Krise 1956 mit seiner jüdischen Familie aus Ägypten über Paris nach New York geflohen ist, wo er im Stadtteil Queens aufgrund mangelnder Englischkenntnisse („Das erste, was ich lernte, war ‚Fuck you!‘“) als Außenseiter aufgewachsen ist. Sein einziger echter Kindheitsfreund heißt Billy Murcia, ebenfalls ein Flüchtling: Sein Vater hatte sich in der Heimat Bogota in Kolumbien in der Wahl seiner Geschäftspartner vertan und mußte über Nacht mit Familie und gesamter Habe im Auto verduften.

Billy und Sylvain, die aussehen (siehe oben) wie zweieiige Drillingsbrüder von Marc Bolan, gründeten 1969 die Modefirma Truth and Soul, verkauften sie dann an einen großen Strickwarenhersteller und reisten mit dem erlösten Geld durch Europa, wo sie vor allem in London ihre Gier nach den ausgeflipptesten Klamotten des Universums befriedigten. Sylvain war der letzte Neuzugang: Zwar kannte er den Rest der Band (außer Johansen) schon aus Schulzeiten, kam aber erst nach dem ersten Auftritt aus Europa zurück, war entsetzt über den Bandnamen (weil er selber eine Band gründen und New York Dolls nennen wollte) und nahm schließlich Ende Januar den Platz von Arthurs Kumpel Rick Rivets ein, der keinen Bock mehr auf täglichen Lärm hatte.

Ganz rechts außen schließlich steht Gitarrist und Hauptsongwriter Johnny Genzale, einst fanatischer Baseballspieler, dessen Traum von einer Profikarriere bei den Philadelphia Phillies daran scheiterte, daß sein italoamerikanischer Papagallo von einem Vater unanständigerweise nicht mehr zu Hause wohnte. Johnny war für ein paar Sekunden in dem Stones-Film „Gimme Shelter“ zu sehen (auf den Schultern eines Freundes), nennt sich neuerdings mit Nachnamen Thunders, läßt in von seiner Mamma umgeschneiderten Damenklamotten die Konkurrenz erbleichen (Arthur: „Kein Mensch bekam heraus, wo er diese supergeilen Fetzen herhatte, obwohl wir sämtliche Läden durchwühlten. Johnny war das absolut Coolste, was damals in ganz New York rumlief!“) und trägt den größten Berg schwarzer Wuschelfilzhaare spazieren, den die Welt je gesehen hat. Ansonsten ist er bezaubernd arrogant, fast so schüchtern wie Arthur und für Freunde der warmherzigste Kumpel, den man sich überhaupt denken kann.

„Johansen ist ein höchst intelligenter Bursche, Sylvain ist wirklich bezaubernd und clever, die anderen sind auf ihre Art sehr nett, aber – und es tut mir wirklich leid, das sagen zu müssen – wenn man sie zusammenbringt, mit Alkohol mischt und schüttelt, hat man eine rücksichtslose, verbohrte, bösartige und total desorganisierte Gang von New Yorker Hooligans“, schreibt Anfang 1974 ein französischer Labelmitarbeiter an seine Firma. Da nähert sich die Karriere der Band bereits ihrem erbärmlichen und traurigen Ende. Im Frühjahr 1972 indes ist kein Mensch in New York in der Lage, sich dem Charme der fünf begnadeten Dilettanten zu entziehen. Sie sind jung, sehen umwerfend aus, ihr Humor ist ebenso unwiderstehlich wie ihre Partylaune, und dazu schreiben sie die lautesten, primitiv-genialsten Rock-’n’-Roll-Randale-Hymnen, die man sich vorstellen kann – garniert mit einem Hauch Sixties-Girlgroup-Flair und Texten, die Alltagsgeschichten, Teenagerverzweiflung und genialische, zeitgemäß ätzend politische Kommentare über ein Amerika im totalen Krieg gegen Vietnam zu einem verblüffend wirksamen und brisanten Cocktail kombinieren. Jeder einzelne Song der New York Dolls ist ein Instant-Evergreen, überschäumend vor Botschaft und Selbstbewußtsein und zugleich so himmelweit vom gängigen Chartsmaterial entfernt, daß die Band und Songs wie „Human Being“ oder „Trash“ bis heute nichts von ihrer Wirksamkeit als authentische Stimme der Großstadtstraßen verloren haben.

Als die New York Dolls im April 1972 im randvollen Mirror Room des Mercer Arts Center mit der Hymne „Personality Crisis“ ihr Set eröffnen, fühlt sich der spätere Starphotograph Bob Gruen „wie in einem Fellini-Film, mit dem ganzen Gefolge um die Musiker herum, die in der Mitte standen. Wer zur Band gehörte und wer nicht, war schwer zu sagen. Es war ein unglaubliches Chaos und so ziemlich das Aufregendste, was ich je gesehen habe.“ David Johansen erinnerte sich später: „Damals im Mercer Arts Center kam alles zusammen. Wir waren bloß Support für die Magic Tramps, aber wir waren so gut, daß die Tramps danach von der Bühne gebuht wurden, also spielten wir auch noch als Hauptact.“ „Eine unbeschreibliche Erfahrung“, meinte Supergroupie Bebe Buell, damals mit dem späteren Dolls-Produzenten Todd Rundgren liiert. „Alle hatten sich so lange nach einem Ersatz für Velvet Underground gesehnt, nach einer Band aus der eigenen Stadt, die sie bewundern konnten.“ Als sich das Vakuum endlich füllte, brach die Hölle los: „Man zog sich ausgeflippt an, und jeder schlief mit jedem. Plötzlich war alles eine einzige riesige Party.“

Die Band weiß, was sie tut – und ahnt doch nicht einmal in Ansätzen, was sie auslöst. Mark Lewis, der die Dolls zunächst nur im Vorprogramm von Eric Emersons Magic Tramps überhaupt dulden wollte, bucht sie, als die letzten Akkorde von „Jet Boy“ verdröhnt sind, sofort wieder – diesmal für den größeren Oscar Wilde Room; und dann wieder und wieder, und schließlich spielen sie ab Mitte Juni ’72 siebzehn Wochen lang hintereinander jeden Dienstag vor ausverkauftem Haus.

Dann kommt Manager Marty „Mighty“ Thau, dann kommt der Plattenvertrag, und der Wahnsinn geht richtig los. Die Stadt ist nicht mehr dieselbe: An jeder Ecke sprossen neue Bands aus dem Boden, die mal mehr, mal weniger wie die New York Dolls aussehen und klingen. Truppen wie Teenage Lust, The Miamis, Ruby & The Rednecks, Harlots of 42ndStreet, Wayne County’s Queen Elizabeth, Blondie, die Ramones und die gänzlich abgedrehten Suicide finden bald ebenfalls Platz im Center und den vielen neuen Clubs – und dann sind da noch die neuen Übungsraumnachbarn der Dolls (die inzwischen aus Rustys Laden zu einem Feuerschlucker namens Satan umgezogen sind): eine biedere Cowboyband in Blue Jeans, deren Schlagzeuger Peter Criss das Trommeln bei Billy Murcia gelernt hat. Die maskieren sich nun als Monstren und nennen sich Kiss.

Das Heer der Leute, die damals im April 1972 dabeigewesen sein wollen, ist so groß, daß man vermuten könnte, das Mercer Arts Center sei in Wirklichkeit ein Fußballstadion gewesen; aber unbestreitbar ist der Einfluß, den die New York Dolls auf die kommende Musikergeneration hatten, und das Ansehen, das sie unter zeitgenössischen Kollegen genossen: Die Rolling Stones warfen sich nach einer Nacht im Center und einigen wilden Partys mit den Dolls plötzlich in Glitzerklamotten und grölten „It’s Only Rock ’n’ Roll“, später reiste ihnen Mick Jagger mit dem Flugzeug hinterher und wollte sie für das Stones-Label gewinnen. David Bowie zog ein paar Nächte mit ihnen durch die Stadt (Sylvain: „Er fragte uns dauernd aus: ‚Wie kriegt ihr die Haare so hin? Wo habt ihr die Schuhe her?‘“), bekam es dann aber mit der Angst zu tun, als er in die Abgründe der Bowery geschleppt und Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Johansen und einem Lastwagenfahrer wurde (Johansen: „Der Kerl rief mir nach: ‚He Alte, laß mich deine Muschi lecken!‘, Bowies Knie flatterten, er sagte: ‚Bitte, David, tu nichts, provozier ihn nicht, bitte!‘, und ich brüllte: ‚Los, du Drecksau, komm raus aus deinem blöden Laster!‘“ – Bowies Song „Watch That Man“ erzählt die Geschichte).

Elton John war ebenso begeistert von den Dolls wie Rod Stewart und Alice Cooper, Marc Bolan ergrünte vor Neid, Lou Reed sah sie mehrmals, fand sie „sehr niedlich“ und ließ sie dann aus seinem Vorprogramm werfen, weil er Angst vor Konkurrenz hatte. Bette Midler schenkte ihnen nach Billy Murcias Tod ihren Geliebten Jerry Nolan als neuen Schlagzeuger, Iggy Pop und Sly Stone liebten sie (ersterer so sehr, daß er sein Heroin mit ihnen teilte und damit nichts Gutes auslöste). The Who bewunderten sie (insbesondere Keith Moon entdeckte eine Seelenverwandtschaft), Roxy Music verehrten sie, Joan Jett und die Runaways verfielen ihnen, The Sweet fanden sie „großartig“. Jimmy Page umgarnte monatelang Johnny Thunders, den er für seinen legitimen Nachfolger auf dem Thron des Gitarrengottes hielt. Die junge Patti Smith erbettelte sich die Erlaubnis, im Vorprogramm der Dolls Gedichte vorlesen zu dürfen, und von den Ramones über Blondie und Television bis zu den Talking Heads orientierte sich praktisch jede neue New Yorker Band der Jahre 1974 bis ’77 in irgendeiner Weise an ihrem Vorbild – zumeist unter Umgehung der desaströsen Begleitumstände –, und selbst die Deutschen Birth Control gestalteten das Cover ihres 1974er Livealbums exakt nach dem „Lipstick Killers“-Stunt der Dolls, die sich dafür als 20er-Jahre-Gangster verkleidet hatten.

Unnötig zu sagen, daß von Punk über Grunge bis Britpop kaum eine Band zu finden ist, die keinen Dolls-Fan in ihren Reihen hätte. Morrissey bombardierte ihre Plattenfirma mit Briefen, schrieb ein Buch über die Band und verkündete: „Ich war 13, und das war mein erstes emotionales Erlebnis. Am nächsten Tag war ich 21.“ Für Steve Jones und Paul Cook gab es, als sie die Sex Pistols gründeten, nur zwei Bands, die Respekt verdienten: die Faces und die Dolls. Johnny Rotten sublimierte seine glühend neidische Haßliebe in den Song „New York“. Pistols-Manager Malcolm McLaren (der den Dolls durch Europa nachreiste, sie nach dem Auslaufen des Mercury-Vertrags eine Zeitlang managte und ihnen rote Kunstlederklamotten und eine Hammer-und-Sichel-Flagge als Bühnen-Deko verschrieb) versuchte, Sylvain Sylvain für die Sex Pistols zu gewinnen; sein Brief, in dem er Johanson niedermachte und Syl die weiße Gibson-Gitarre anbot, die Steve Jones dann spielte, liegt heute im New Yorker Rock-’n’-Roll-Museum. Müssen wir noch die Strokes erwähnen, die von jedem zweiten Kritiker mit den New York Dolls verglichen werden?

Obwohl alles gerade erst begann, ging es für diese selbst von da an abwärts – in einem irrwitzigen Spiralflug; und wiederum konnte niemand auch nur ahnen, wie tief der Sturz sein würde. Für einige der Beteiligten endete er in der Hölle. Schlagzeuger Bill Murcia war das erste Opfer; er erstickte in den frühen Morgenstunden des 7. November 1972 während des ersten London-Trips der Band nach einer Überdosis Champagner und Mandrax an schwarzem Kaffee, den ihm ein Mädchen einflößte, um ihn wiederzubeleben. Murcia war 19. Doppelt so alt wurde Johnny Thunders, der am 23. April 1991 nach einer jahrzehntelangen Karriere als tragisches role model des Rock-’n’-Roll-Junkies in einem Hotelzimmer in New Orleans starb; die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Nicht nur sein Freund Willy de Ville und Schwester Marion glauben an Mord, ein Teil des Polizeiberichts bleibt ebenso verschollen wie Johnnys Paß, Geld und persönliche Habe. Bei der Obduktion wurde angeblich festgestellt, daß Thunders an Leukämie litt und nur noch gute sechs Wochen zu leben gehabt hätte. Murcias Nachfolger Jerry Nolan, der Johnny auch nach den New York Dolls als Drummer, Junkie- und Seelenbruder treu blieb, folgte ihm kaum ein Jahr später, am 14. Januar 1992. Beide sind auf dem Friedhof St. Mary im New Yorker Stadtteil Flushing begraben.

Arthur Harold Kane, schon zu Anfangszeiten eine Schnapsflasche auf zwei Beinen (Johansen: „Die einzige lebende Statue im Rock ’n’ Roll“) und nach Jahrzehnten vergeblicher Versuche erst in den 90ern endlich trockengelegt, fiel 1989 aus einem Fenster und zerschmetterte sich beide Knie, geriet 1992 auf dem Weg nach Hause von einer Party bei den Red Hot Chili Peppers in die damals tobenden Unruhen in Los Angeles, wurde von hinten mit einem Baseballschläger angegriffen und liegengelassen, weil man ihn für tot hielt. Heute lebt Kane nach einem Jahr im Krankenhaus mit einer Metallplatte im Schädel und macht ab und zu mit Rick Rivets ein bißchen Musik.* Das tun auch Sylvain Sylvain und David Johansen, der eine ohne, der andere (als Buster Poindexter) zwischendurch mit etwas mehr Erfolg. 2000 hatten Kane, Sylvain und Johansen die zweifelhafte Ehre mitzuerleben, wie die New York Dolls für die „Rock’n’Roll Hall of Fame“ nominiert und ausgerechnet von Aerosmith geschlagen wurden, die den Dolls sowohl musikalisch als auch in Sachen Show und Lebensführung von Anfang an bis ins Detail nachgeeifert hatten (Tyler hatte David Johanson sogar seine Ehefrau Cyrinda Fox ausgespannt) – mit dem pädagogisch nicht ganz unwesentlichen Unterschied, daß sie dem Circus am Ende vollzählig lebend entkamen. „Die New York Dolls scheiterten, weil sie den Rock ’n’ Roll wirklich lebten“, sagte ein ehemaliger Lehrer namens Gene Simmons, der durch die Dolls zum Rock-’n’-Roller geworden war.

Drei Tote, drei Überlebende,* eines der größten Alben aller Popmusikzeiten (das erste, Herbst 1973) – weder vorher noch nachher hat sich je eine Band derart rücksichtslos, total und supernaiv dem Rock-’n’-Roll-Traum verschrieben. Die New York Dolls wollten um jeden Preis Stars werden, sie wollten um jeden Preis die ganze Welt gewinnen und verändern, und sie sprangen in den Abgrund, ohne auch nur zu fragen, ob es so etwas wie ein Seil gab. Möglicherweise wußten sie die ganze Zeit, daß sie sich ihr eigenes Grab schaufelten. Oder, genauer gesagt: drei Gräber. Vorläufig.

geschrieben im Januar 2002 für den MUSIKEXPRESS, dort im Aprilheft erschienen

*(Nachtrag: Auf Einladung von Morrissey, damals Kurator des Meltdown-Festivals, feierten die New York Dolls am 16. Juni 2004 in der Londoner Royal Albert Hall ein Comeback nach fast drei Jahrzehnten. Arthur Kane, der dafür extra seinen alten Baß aus dem Pfandhaus geholt hatte, ging es in den Tagen darauf plötzlich schlecht; er vermutete eine Grippe, ging am 13. Juli ins Krankenhaus und starb zwei Stunden später an Leukämie. David Johansen und Sylvain Sylvain nahmen mit verschiedenen Musikern 2006, 2009 und 2011 als New York Dolls drei lustige Alben auf. Sylvain starb am 13. Januar 2021 69jährig an Krebs.

Der Film New York Doll über Arthur Kanes Leben sei dringend empfohlen.)

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