(Aus dem tiefen Archiv:) Morrissey „Ringleader of the Tormentors“ (2006)

(Anmerkung: So schnell vergehen fünfzehneinhalb Jahre. Oder so langsam, siehe ganz unten.)

Das ist Tradition seit gut zwölf Jahren, seit Vauxhall and I: Der „schwierige“ Song ist auf Morrissey-Alben immer der erste. Man denke an „The Teachers Are Afraid Of The Pupils“: Kein Kritiker hatte Zeit und Nerven, den Elf-Minuten-Exorzismus durchzustehen; dasselbe mit der Titelzumutung auf Maladjusted. Die ersten paar Minuten entscheiden aber nicht nur darüber, wie Rezensenten mit Morrissey-Alben umgehen, sie geben auch tatsächlich einen gerafften Eindruck von der Platte und dem augenblicklichen Innenzustand ihres Schöpfers.

Das läßt Großes hoffen: „I Will See You In Far Off Places“ hätte früher, in den schlimmen Zeiten, wahrscheinlich „You Will Never See Me Anywhere Because I Must Stay In This Dark Cellar All On My Own“ oder so geheißen. Heißt: So gelassen, fast fröhlich hat man den großen Antilächler seit „Everyday Is Like Sunday“ nicht gehört. Und dabei ist der Opener trotzdem „schwierig“ – musikalisch: eine Melange aus fernöstlichen Melodieläufen und einer Gesangslinie, die zeigt, daß der Mann mit der Ausnahmestimme, der seinen Gesangsunterricht auf Top-Ten-Singles mit den Smiths (mit manchmal nervenzerrenden Resultaten) nahm, mit 46 Jahren und einer inzwischen exorbitanten, fast operatischen Perfektion, sich immer noch Mühe gibt und Neues nicht nur versucht, sondern schafft. Ohne, dies vorab, jeglichen modischen Firlefanz, mit dem sich sein geistiger Bruder David Bowie seit über zwanzig Jahren systematisch ruiniert.

Damit ist das Terrain abgesteckt: Nach dem Erfolg des wegen siebenjähriger Absenz erfreulichen, jedoch inhaltlich etwas konfusen und überladenen, zudem dank billigmodern-kalifornischer Produktion bei mehrfachem Hören gegen Ende leicht unterwältigenden Vorgängers You are the Quarry geht es diesmal nicht darum, irgendwelchen realen oder vermeintlichen Gegnern, Verächtern, Unterschätzern etwas zu beweisen (oder die Faust zu zeigen). Zum ersten Mal seit über zehn Jahren scheint Morrissey überhaupt keine Gegner mehr zu haben, nicht mal mehr in sich selbst, und kann tun, was er will, mit triumphaler Grandezza.

Nicht zufällig ein italienisches Wort – das Album entstand in Rom (samt Straßenatmo und Orchestrator Ennio Morriccone), und nirgends auf der Welt wäre der „neue“ Morrissey besser aufgehoben als hier, wo Liebe, Leben und Wahnsinn ohne Zwischengrenzen toben. Da kommt man auf Gedanken, und so finden sich gleich im zweiten Song, der episch-luftigen Ballade „Dear God, Please Help Me“, „explizite“ Stellen, die über Andeutungen hinausgehen und das sowieso längst fabulöse Bild des zölibatären Körperverweigerers auf den Kopf stellen.

Freilich folgt die Schuld auf dem Fuße (zum Thema „Morrissey und der Katholizismus“ ließe sich ein dickes Buch füllen), aber das Fazit lautet: „I am walking through Rome / And there is no room to move / But the heart feels free.“

Es folgt, noch italienischer und auf geradezu perfide, dandyhafte Weise frohgemut, die erste Single „You Have Killed Me“ – mit einem Video, das die Eurovision-Grand-Prix-Galas der späten 60er persifliert. Derart offenen Humor verbietet sich der Song, aber das Lächeln, das er ausstrahlt, ist unwiderstehlich. Und steigert sich in „The Youngest Was The Most Loved“ fast zur Ausgelassenheit, wenn der vielstimmige Kinderchor trällert: „There is no such thing in life as normal!“ Ist es schon, denkt man – 99 Prozent der Welt sind so normal, daß das bloße Hören dieser Platte schon eine positive Arroganz verleiht, gegen die keine Depression einen Hauch von Chance hat.

„In The Future When All’s Well“ geht noch einen Schritt weiter, vom Titel bis zum Glamrock-Eröffnungsriff, das auf turmhohen Glitzerabsätzen daherstolziert, als wollte es in ein paar Sekunden das Idealbild von Morrissey und seiner Gang/Band verkörpern.

Die schaltet dann einen Gang zurück. „The Father Who Must Be Killed“ rockt zwingend und doch verhalten, ohne großen Chorus, doch mit vielen zauberhaften melodischen Details und poetischer Tiefe.

Und damit verabschiedet sich (vorläufig) der „neue“ Morrissey; die zweite Hälfte der Platte beginnt mit dem über sieben Minuten langen, aus mehreren, ineinanderfließenden „Akten“ grandios aufgebauten Epos „Life’s A Pigsty“, das stellenweise an David Bowies Version von „Wild Is The Wind“ erinnert. Da, möchte man meinen, ist er wieder, der alte Misanthrop, aber: „Even now / In the final hour of my life / I’m falling in love again.“ Es folgen vier Songs, die auch auf Southpaw Grammar oder Maladjusted gepaßt hätten (subtrahiert man die seither gewachsene musikalische Meisterschaft und die ubiquitäre majestätische Gelassenheit, die noch die düstersten Augenblicke des Albums erfüllt).

Und endlich, um auf einen Nenner zu bringen, was da passiert ist in der letzten Dreiviertelstunde, das Finale: „At Last I Am Born“, mit dem das Album lyrisch und musikalisch in geradezu stratosphärischen Höhen ausklingt.

Wer danach gleich wieder Musik auflegt, tut sich und dieser keinen Gefallen – man sollte es nachhallen lassen, dieses, meinetwegen: epochale Monstrum von einem Meisterwerk, das nur so überschäumt von künstlerischer Kraft und genialen Details; man sollte auch das Gefühl genießen, die Welt (und sei es nur der Ausschnitt, den eine nächtliche Münchner U-Bahn bietet) mit neuen Augen zu sehen. Daß ein solches Album im Frühling erscheint, nach einem der längsten und kältesten Winter der letzten Jahrzehnte, ist Zufall. Aber auch der zwinkert.

Ob Morrissey diesen Triumph übertreffen kann und will, ist eine spannende, aber nebensächliche Frage. Er müßte dazu wahrscheinlich wieder umziehen – vielleicht nach Tibet, um sich als wiedergeborener Dalai Lama zu entpuppen oder so etwas. Das wäre dann aber wohl doch ein bißchen zu viel Humor. Einstweilen genügte ein Lächeln.

geschrieben im März 2006 für den MUSIKEXPRESS, dort im Maiheft als „Platte des Monats“ erschienen

4 Antworten auf „(Aus dem tiefen Archiv:) Morrissey „Ringleader of the Tormentors“ (2006)“

  1. „mit dem sich sein geistiger Bruder David Bowie seit über zwanzig Jahren systematisch ruiniert.“

    David Bowie ist zur Zeit tot.
    Vergangenheitsform wäre wohl die Wahl gewesen 😉

    1. Da hätte ich, angefangen mit den zwölf Jahren in der ersten Zeile, den gesamten Text umschreiben müssen, und das wollte ich nicht, weil’s ja um die Erinnerung ging …

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