(periphere Notate:) Die Revolution der Dinge

In dem Wahn der Gesund- eben nicht (vorübergehend) -machung oder -werdung des Menschen, sondern seiner ideell unendlichen Gesunderhaltung schlägt sich die Scham über unsere individuelle Einzigkeit und Einmaligkeit nieder: Der kaputte Akku wird durch einen im Prinzip identischen neuen ersetzt, ist also unsterblich, indem er keine Individualität besitzt. Das gilt in der Welt der Dinge, in der wir leben, prinzipiell für so gut wie alles: Auch das Smartphone ist unsterblich; es wird sogar mit jedem neuen Modell, das ein altes ersetzt, irgendwie „besser“, mindestens „fortgeschritten“, aber die „Inhalte“ (Daten aus der Cloud) bleiben dieselben. Das Neue ist nicht neu, es ist auch nicht das Alte, es ist ewig.

Daß sich der moderne Mensch vor seinen Produkten schämt, weil er nicht (wie sie) gemacht, sondern auf sehr schmutzige Weise entstanden und geworden ist, weil er nicht wie sie simpel, perfekt, monofunktional, sondern undurchschaubar und unergründlich ist, stellte Günther Anders bereits 1956 fest. Heute nun schämt sich der Mensch vor seinen Computern, Smartphones, seiner Software, die zwar anfällig sind für Fehlfunktionen, ausgelöst durch sogenannte „Viren“. Diese Fehler lassen sich jedoch durch „Updates“ und „Patches“ wenigstens vorübergehend flicken: Die Dinge wachsen an den Anfechtungen und werden irgendwie immer „besser“. Diesem Vorgang der technischen Einrichtung auf neue Gegebenheiten einer prinzipiell feindseligen Welt versucht sich der Mensch geradezu hysterisch anzupassen, indem er sich gegen echte Viren „impft“, regelmäßig updatet und am liebsten mit implantierten Accessoires der Maschine oder mittels digitaler Flucht in die Software (den ständig und meist ohne Bewußtsein seiner absurden Implikationen zitierten „Gang ins Internet“) aus der Natur befreien möchte.

Daß die wesentlichen Priester dieser seelisch kranken oder möglicherweise bereits toten „Geisteshaltung“ Computerfreaks (wie Bill Gates) und Ingenieure (wie Klaus Schwab) sind, ist logisch: Sie kennen die Tücken der Maschinen und Programme, mit denen sie den Menschen und seinen Organismus verwechseln.

Was Anders nicht bedachte, ist, daß auch die ewigen Dinge sterben können, oft unbemerkt und in kleinen Schritten. So ist etwa die LED-Leuchte des Energiesparlampenzeitalters (durch die, paradoxerweise und ohne daß das jemandem auffiele, keinerlei Quantum Energie „eingespart“ wird) keine identische Reinkarnation der Glühbirne, sondern nur ein Rudiment, dem viele gute Eigenschaften des „Originals“ verlorengegangen sind, von der Wärme des Lichts bis zur tatsächlichen Erwärmung des erleuchteten Raums. Daß und wie viele andere scheinbar unsterbliche Dinge unbemerkt ausgestorben sind, zeigt der Erfolg des „Manufactum“-Katalogs. Was sich darin nicht findet, sind Hekatomben nützlicher, schöner, erfreulicher Produkte menschlichen Handwerks, von denen niemand mehr weiß, wie man sie herstellt. Oder wozu sie dienten – wozu sie, im Wortsinn, gut waren.

Das zeigt sich auf eklatante Weise auch in der Baukunst. Ein vor Einführung der DIN-Normen erbautes Haus beruhte auf Wissen und Fertigkeiten, die größtenteils nie schriftlich niedergelegt und auch nicht normiert wurden. Ein Haus wie unseres etwa (1907 erbaut) kann man heute noch sehr gut bewohnen, aber verstehen oder gar neu bauen kann es niemand mehr – kein Mensch auf diesem Planeten.

So läßt sich auch erklären, daß die Produkte der Baukunst – die längst keine solchen mehr ist, sondern ein industrielles Verfahren mit immer gleichartigeren und häßlicheren Erzeugnissen – nicht „besser“ werden: Es könnte ja auch niemand ein „besseres“ Smartphone herstellen, wenn er kein „altes“ als Vorlage oder gar noch nie eines gesehen hätte. Und selbst ein Laie wie ich, der Smartphones kennt und benutzt, hätte keine Ahnung, wie eine Weiterentwicklung zu geschehen hätte.

Indem sich die Entwicklung der Dinge vom Menschen, der sie benutzt, abkoppelt, werden die Dinge zu religiösen Fetischen. Der ersehnte Schritt in die Phase, in der sich die Dinge von selbst weiterentwickeln und neue Dinge erfinden, mag einem Wahn entsprungen sein. Aber die Ungeduld, mit der die Priester und ihre Jünger diesen Schritt ersehnen, macht ihn schon jetzt in gewisser Weise real. Es geschieht, auch wenn es nicht geschieht; so ähnlich ist das heute in vielen Fällen. Auch im Falle einer Pandemie, die nur deshalb als solche existiert, weil es zuvor schon Filme und Planspiele darüber gab.

Kenntlich wird der Schritt, auch wenn er in der hinter den Vorhängen des Wahns verborgenen Wirklichkeit nie stattfindet, daran, daß nicht mehr der Mensch die Dinge benutzt, sondern die Dinge den Menschen. So wie einst der Esel den Karren und der Ochse den Pflug zog: Möglicherweise hatten auch sie das Gefühl, sich sinnvoll zu beschäftigen; möglicherweise hielten auch sie sich für unzulänglich und dachten, das Schwingen der Peitsche, mit dem der Mensch sie zu mehr Leistung motivierte, sei daher legitim.

Daß der Mensch sich heute selbst „peitscht“ und in unablässiger Leistungssucht seinen Körper (die imaginierte Maschine) für den imaginierten Wettbewerb optimiert, ist möglicherweise das einzige oder wesentlichste Detail, das ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Das Phänomen ist recht neu. Bis in die vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mußte der Mensch gepeitscht werden, um dumme, schädliche, schlimme, mörderische, selbstmörderische Taten zu begehen, die ihm selbst nichts nützten, im Gegenteil.

Das stimmt freilich nur in bezug auf die Selbstausbeutung zum Nutzen des Kapitals. Daß der Mensch die Freiheit fürchtet, sich auch ihrer schämt und sie bei der ersten Gelegenheit wegschmeißt, um in der Masse aufzugehen und dadurch das ungeliebte, das anstrengende, überfordernde Geschwister der Freiheit – die Verantwortung – loszuwerden, wissen wir von jeder einzelnen der religiösen Wahnwellen, die den Planeten regelmäßig überrollen, seit es darauf eng geworden ist. Die wahrscheinlich größte, wenn auch vorläufig nicht mörderischste dieser Wellen erleben wir seit eineinhalb Jahren.

Es ist ein seltsames Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich derzeit Anhänger mehrerer deutscher Fraktionen der Coronasekte mit unterschiedlichen Agenden liefern: die bereits überschnappenden Apartheidfanatiker sind hysterisch auf der Suche nach neuen Ideen, um Verweigerer der Genspritzen so total wie möglich vom öffentlichen Leben auszuschließen (immerhin: vorläufig nur vom öffentlichen). Die langsam heißlaufenden Lockdownfanatiker wollen so schnell wie möglich alles wieder komplett zusperren (zunächst war der Oktober im Gespräch, um die Bundestagswahl noch abzuwarten, nun ist die Rede von Mitte August, also schon in ein paar Tagen). Und die Amok-Impfer geraten immer mehr in Raserei, weil sie fürchten, daß sie vor dem Zusammenbruch des Narrativs nicht mehr sämtliche Kleinkinder, Schüler, Schwerkranken, Allergiker, Schwangeren usw. mittels Spritztaufe vor der ewigen Verdammnis in der Hölle retten können.

Ob der nächste Lockdown schon Mitte August „kommt“ oder erst im Oktober – wir sollten uns und unsere Mitbürger immer wieder daran erinnern: Schuld am Lockdown sind nicht die, die nicht mitmachen. Schuld am Lockdown sind die, die mitmachen. Wenn keiner mitmacht, kann es keinen Lockdown geben.

Wer nicht mitmacht, erlebt das Paradoxon der Freiheit in (oder inmitten) der Unfreiheit.

Um mitzumachen, genügt es schon, die Parolen der Propaganda und die Dogmen des Kults mit- und weiterzutragen, und sei es in Form der Negation. Wer in einer Diskussion den Halbsatz „Ich leugne ja nicht das Virus, aber“ fallen läßt, affirmiert damit die Behauptung, es sei möglich, ein Virus zu „leugnen“ und es gebe eine nennenswerte Zahl von Menschen, die so etwas tun.

Damit beweist man, daß man das religiöse Dogma akzeptiert und verinnerlicht hat, daß es „Wahrheit“ ist und man die Wahrheit anerkennt – oder vielmehr: sich zu ihr bekennt. Und daß man sich schämt, das Dogma auch nur putativ in Frage zu stellen. Weil damit die Möglichkeit, es in Frage zu stellen, in der Welt ist und diese Möglichkeit nicht in der Welt sein darf, weil sie der Keim der Ketzerei ist. Falls man das Dogma tatsächlich anzweifelt, zeigt der Halbsatz immerhin ab, daß man eingesehen hat, daß es nicht legitim ist, es anzuzweifeln. Das nennt man Unterwerfung.

Daß sich der Mensch schämt, ist übrigens normal. Aber sich für vernünftige Gedanken oder das Denken überhaupt zu schämen, ist krank. Und eigentlich ein Grund, sich zu schämen.

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