Belästigungen 07/2021: Von gelben und grünen Menschen (die es gar nicht gibt)

Seit der Münchner Norden im Zuge der „Huaweiisierung“ von der nördlichsten Stadt Italiens zur westlichsten Stadt Chinas mutiert ist, kann man dort an Wochenenden und Feierabenden aufschlußreiche kultursoziologische Studien betreiben, für die man sich sonst etwa nach Wuhan (nur ein Beispiel! nicht schießen!) begeben müßte, wo man aber aus Gründen touristischer Diskretion wahrscheinlich viel weniger von dem zu sehen bekäme, was man hier sieht.

Im Gegensatz zu den Chinatowns US-amerikanischer Metropolen, die wir aus klassischen Filmen und Reportagen kennen und die hauptsächlich von Dissidenten und Verweigerern der kulturrevolutionären Disziplinierung und Vereinheitlichung in der alten Heimat begründet, gehegt und belebt wurden, haben die Siedler in den neuen Trabantenstädten der Big-Tech-Weltgiganten, deren Aufblühen die Münchner Stadtplaner durch großflächige Ausweisung von Gewerbeflächen und Aufstapelung von „bezahlbarem Wohnraum“ in genormten Betonkisten beförderten, die Taktung ihrer vormals vertrauten Umgebung mitgebracht und wie eine Software auf die neue Existenzmaschine übertragen, wo sie nun auch die schon etwas früher aus traditionell industriellen und anderen Gründen eingetroffenen Altameisen steuert.

So kann man etwa im Olympiapark am Sonntagnachmittag das Gefühl haben, in den Gesamtbetriebsausflug einer gigantischen Intensivstation geraten zu sein. Wo einst fröhliche Dackel kläfften und schissen, grantige Dimpfel den Bierpreis und den Untergang des Abendlandes bemeckerten und gemütlich angesiffte Hippies in Wiesen kifften und klampften, wird nun, maskiert und individualelektronisch überwacht, durch Hochleistungs-Leibesübungen die Körpermaschine auf Trab gehalten, kollektiv und doch vereinzelt, wg. Hygiene und weil es in den angstvoll-schüchternen Gehorsamsgesichtern hinter dem Plastikgewebe sowieso wenig zu sehen gäbe, was man sich nicht im Spiegel anschauen könnte.

Interessant ist dabei auch, welch eigentümliche Spielart von sozusagen spektrographischem Rassismus sich im Unterbewußtsein des Europäers gebildet hat, der sich als Angehöriger eines weltoffenen, aufmerksamen und ganz und gar nicht vernagelten Kulturvolks wähnt. „Die“, sagt zum Beispiel ein kleiner Bub begeistert zur Mama, „sind ja alle gelb!“

Die Mama lächelt bemüht-verschämt in die zumindest meinerseits gar nicht vorhandene Empörung und zischt, so etwas sage man nicht. Statt dem verblendeten Kind einen aufklärenden Fingerzeig zu geben, etwa: Es möge doch mal ein bisserl genauer hinschauen.

Nämlich ist kein einziger Chinese der Welt gelb und war es auch noch nie (ausgenommen im Falle gewisser Krankheiten, die jedoch den angeblich „weißen“ Deutschen aufgrund seiner üblen Leberwurst-Burger-Schnaps-Ernährung sicherlich öfter betreffen). Vielmehr weisen unsere Artgenossen in und aus ganz Asien die gleiche Palette aus bleichen bis maronenbraunen Hautfarbtönen auf wie wir auch.

Daß die überwiegende Mehrheit sie für gelb hält und das auch tatsächlich mit den Augen so sieht, geht darauf zurück, daß der durchaus kluge schwedische Naturforscher Carl von Linné ihnen diese Farbe im Jahre 1748 zuwies. Allerdings bezog sich Linné dabei nicht auf die Haut, sondern auf ein älteres Gesamtkonzept menschlicher Regungen und Gemütsmentalitäten, von denen er in Ostasien hauptsächlich die Melancholie und die Neigung zum Merkantilen vertreten fand, was unter den Körpersäften der (grünlich-)gelben Galle entsprach.

So kam das Bild vom „gelben“ Chinesen in die Welt, in die nun der gar nicht gelbe Chinese kommt und im Fernsehen und den Unterhaltungszeitschriften seiner neuen Heimat feststellen muß, daß man nicht nur ihn, sondern auch diverse Krankheitserreger (die aufgrund ihrer Winzigkeit gar keine Farbe haben können) bevorzugt gelb einfärbt.

So geht das manchmal mit dem Rassismus: Weil der Mensch nur sehen kann, was er zu wissen glaubt, sieht er auch nur das, was zu dem paßt, was man ihm ausdauernd genug einbleut (was übrigens mit der Farbe Blau auch nichts zu tun hat – die gab es wahrscheinlich noch gar nicht, als das Wort entstand – sondern eher mit der Pleuelstange).

Daß für unser modernes inneres Auge die Galle nicht mehr grünlich-gelb, sondern nur noch gelb ist, verdanken wir möglicherweise wiederum dem unfreiwillig getünchten Chinesen, denn einen grünen Menschen konnte sich wahrscheinlich der forscheste Ethnologe nicht denken. Den gibt es nur auf dem Mars (siehe die letzte Folge dieser Kolumne). Ach so, „gab“ muß das freilich heißen, denn heute gibt es ja „Grüne“, deren wichtigstes Merkmal bei ihrem Eintritt in die Evolution war, daß sie die Natur bewahren, das Wachstum stoppen, den Menschen befrieden und befreien und die Erde zum urtümlichen Paradies werden lassen wollten.

Inzwischen brettern sie mit tonnenschweren Elektromobilen durch Wälder aus betonierten Windrädern, möchten das Trennen von Joghurtbecher und Aludeckel digital per Satellit überwachen, drohen dem Russen einen Krieg an, von dem Hitlers Generäle nur träumen konnten, und sehen die „Befreiung“ vor allem darin, daß der Mensch, der im Gleichschritt auf dem Laufband ewigen Wachstums in den elektronischen Kontrollstaat der Ameisenzukunft voranmarschiert, endlich denken darf, was er sagen muß.

Ob auch von dieser seltsamen Spielart menschlicher Evolutionsfacetten einst nichts bleiben wird als eine Hautfarbe, die jeder sieht, obwohl es sie nicht gibt (außer bei gewissen Krankheiten, die manchmal durch den Genuß von Wahlreden gewisser Kanzlerkandidatinnen ausgelöst werden)? Oder wird es uns bis dahin gelingen, dem Fortschrittsterror die Zunge zu blecken, zu Pflanzen zu mutieren und damit dann doch endlich das zu werden, was wir leider noch nie waren: grün (und ein bißchen gelb)?

Die Kolumne „Belästigungen“ erschien bis April 2020 alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Seitdem konnte das Heft aufgrund der von Bundesregierung und bayerischer Staatsregierung verfügten „Maßnahmen“ nur zweimal ausnahmsweise erscheinen, weil die Veranstaltungen, die darin angekündigt werden könnten, verboten sind. Diese Folge erschien am 26. Mai 2021 in dem auf Papier gedruckten Heft Nr. 6 – bitte an/in Kiosken danach fragen oder hier als E-Paper lesen.

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