Belästigungen 20/2020: Es war eine Kneipe in ihren schönsten Jahren … (Reprise und Requiem)

Wie er hierher, in diese Gegend, geraten konnte, war dem Fremden hernach schleierhaft (wie vieles). Dunkel nur erinnerte er sich an Gestalten, die ihm solches empfahlen, auf halbem Weg zum Herzen der vielgerühmten Münchner Gemütlichkeit, die sich indes stetig weiter zu entfernen schien, ein verhangenes Mythengezücht, das allüberall, wo er gewesen war, nur ein krauses Haupt von Nebelzozen recken und feistfrech abkassieren hat wollen für einen Haufen Glutamat-Aas im Darm, laues Halbvollgewäsch, dröhnendes Klimaanlagengerappel, umbrummt von Hartz-IV-Elend mit Ikeaschürze, Launenhavarie und Scangerät.

Nun also stand er hier, im Duster der mittleren Clemensstraße, einen Steinwurf von dort, wo vor hundert Jahren Ret Marut alias B. Traven wohnte und den revolutionären „Ziegelbrenner“ redigierte und vor deren fünfzig „Tschäms“ Graser das hartverdiente Geld vieler Proletarier aus dem Fenster pfefferte, um Tag für Tag Herrn Graters Klatschkolumne zu zieren.

Der Fremde wußte noch nicht recht, wie, und glotzte hinein in den orangegelbrosawarmen Schein. Dann wagte er’s; die Tür wog schwer, der Vorhang sträubte den Scheitel, dann blickte er in Gesichter, von denen man gleich weiß, daß ihre Namen etwas gelten, was man nicht so schnell vergißt. Der Fremde bekam sein Bier und fand Platz – Schau nicht so irritiert, mein Freund, du hast es anders nicht gewollt, und Luft … gibt’s morgen wieder! –, hörte Kunde von Gewesenen und Dagewesenen, vom Schankkellner S. mit der sagenhaft sympathisch schlechten Laune, dessen Heimstatt einst die singulär gepolsterte Fensterbank gewesen sei, der für ein informatives Geschimpfe über die Innenpolitik des TSV 1860 gern ein halbes Stünderl länger offenhielt, sonst aber generell nicht, und dann desertiert sei ins Leben hinein, wie andererseits aus diesem hinaus der N., der Urwirt, der den Schreiber dieser Zeilen am zehnten Mai siebenundachtzig nicht unbedingt erstmals, aber für alle Zeiten hineinzog in sein Wunderkabuff, der Betty Page halbpersönlich auf dem Tresen tanzen ließ, diesen nach sagenhaft wilden, bösen, irren, unvergeß- und auch unglaublichen Jahren selbst erkletterte, um kollektives Lokalverbot wegen Totalüberdruß zu signalisieren, und dann, geläutert und ein guter Mensch sowieso, hinsterben mußte, während, wie grummelnd vermerkt wurde, droben in Bogenhausen und Grünwald der Abschaum weiterblühte und bis heute blüht.

Der Retter unserer Hütte (die um ein Haar ein „Pils-Pub“ oder Schlimmeres geworden wäre) und ihr Hüter für noch viel längere, noch viel wildere Zeiten ist hernach im Jahr 2000 B. geworden; und der Fremde spitzte die Ohren und hörte staunend von den Herrn und Damen der Musik, von Rockin’ Bones und Rudisrudi, dem Staatsrat, Rolando Ramone und Marty Mosh, Diva Desaster, Peter Bacon, Monacore, Slick Justice, Junior Disorder und vielen weiteren, und daß da manchmal auch Platten ertönten, die es seit Äonen nicht mehr oder gar nicht gab und gibt, wie sollte ihn das noch wundern?

Man war und blieb hier unter sich, wie sich’s gehört; wer drin war, war dabei, der Rest blieb draußen, – und wer reinging, der war drin, so ging’s im Kreis. Am Ende, am Abschiedsabend, waren es so viele, die draußen vor der Tür herumwurlten, sich in den Armen lagen und teils schon fast vergessen oder hingeschieden wähnten, daß sie die Bude fünfmal randlos füllen hätten können – zum Glück wechselte man sich über die Jahre ab und aus, sonst hätte es das Haus schon lange so zerrissen, wie man das in manch wüster Nacht sowieso jeden Moment erwartete.

Der Fremde hörte von Helden und Verlierern (die immer beides sind), von Vergessenen und Ewigen, Blöden und Gescheiten, Berühmten, Schönen und dem letzten Depp, die sich hier mischten, als wär’s nichts, von Bands, am Tresen gegründet und wieder aufgelöst, die nicht selten hier auch spielten, obwohl man sich kaum vorstellen mag, wie das gegangen ist, aber es ging ja alles irgendwie, und lange noch lachte man über den Solisten, der sein nagelneues Käppi zum Singen auf die Wandlampe hängte, wo es erst schmolz und dann verbrannte.

Es traf der längst nicht mehr Fremde bei der „Halben“, die mancher traditionell bestellte (wohlwissend, daß sie ins Glas gar nicht hineingegangen wäre), man grüßte ihn „Rock ’n’ Roll!“ oder „Aha!“ und war schon mitten im Erzählen vom Skandal modernen Strebens nach dem explodierenden Nichts, wo hier doch alles, was man braucht zum Glück, auf engem Raum vereint war: gute Menschen, kaltes Bier, mehr Coolness als in vierzig Mitchum-Filmen, die abseitigste Musik der weiten, tiefen Welt, die selbst den Fachmann, der es wissen müßte, in Abständen begeistert hin zum DJ rennen ließ und fragen, was das sei, was so geil lärmt, und vor allem: kollektive Seligkeit, egal was sonst passiert, hier waren wir eins und blieben’s noch im ärgsten Streit.

Da saß er still, der nicht mehr Fremde, plötzlich glücklich, strahlte Strahlen strahlend wider, lauschte entzückt kulturpessimistischen Tiraden, eines Karl Kraus würdig, hier mit erhobenem Glas und frohem Grinsen kredenzt in umfassender Gewißheit, daß schon alles recht sei, wie es sei, eben hier. Es schäumte die Freude, grinste das Reh, brüllte das Entzücken, stürzte das Braungebräu im Dreierpack den Rest von Zivilisationsdistanz; man wähnte sich hinterm Watzmann, wünscht’, die Jüngste Nacht ging’ nie zu Ende. Daß die Mädchen allesamt viel schöner waren als anderswo, das wunderte den Neuen nicht mehr: Man „machte“ nicht „an“ hier, war zu Hause vielmehr, schon als Neuer, der noch nicht mal ahnte, ob nicht sein eigener Vater einst hier gesessen hatte, ab einundsechzig, metarevolutionäre Reden geschwungen und Obermaiers Uschi in die Wade gekniffen hatte, versehentlich.

Eng war’s schon damals, drum nahm man’s gerne hin, daß noch nach fünfzehn Jahren im linksalternativsten „Stadtbuch“ kein Wort zu lesen stand von dem, was sich hier tat. Andere kündeten späterhin Erstaunliches, nicht Erinnerbares: „Fest in der Hand Schwabinger Gymnasiasten“ sei unsere Heimstatt im vierundachtziger Jahr gewesen, später waren hinterm Tresen mal die Frauen unter sich; da hing die „Taz“ am Zeitungsständer und man selbst gemütlich in der Ecke schon am frühen Nachmittag, wenn im Rigan-Club ums Eck noch die letzten Liegengebliebenen zum Hinterausgang hinausgekehrt wurden und gleich wieder hier vor Anker gingen. „Gotisch edel“ sei’s gewesen neunundachtzig, und man fragt sich, wo das war, und weiß es anders.

Es war dann wohl auch wurst, weil’s spät wurde, und da mischen sich die Zeiten, werden neblige Spiralen, und das Schild, das Bild, das Wild von damals zierten ja nach wie vor die Wände, und im runzeligen Tresen eingraviert waren RAF und Punk und die Krawalle, Techno-Raves und dazu alle, die hier je das Glas erhoben, sei die Schar auch längst zerstoben, bleibt sie doch für immer da; die lachen ewig und sind glücklich, Herrgott! – ist hier nicht die Welt, wo dann?

Wundern wir uns noch, daß an einem komplett toten Spätwinterabend, wo draußen das Unwetter des Centuriums tobt und der Mensch so energisch zu Hause blieb, daß sämtliche Wirte des Münchner Nordens um zehn Uhr die Lampen löschten und sogar im Jennerweinschen Wohnzimmer nur zwei Unentwegte die Fährnisse menschlicher Liebesdinge wohlig beseufzten, – daß da plötzlich eine weltberühmte deutsche Filmschauspielerin hereintaumelte, um ihrem jugendlichen Gspusi zu zeigen, wo sie einst … Nein, taten wir nicht. Wir gaben ihnen Bier und freuten uns, daß der Kleine fast schon so glücklich lächelte wie wir. Daß sie vom Leben zu verabschieden im Begriff war und dazu nur diesen einen Ort wußte, erfuhren wir erst ein paar Wochen später aus der Zeitung.

„Rock ’n’ Roll!“ ertönte es wieder, und wie Brüder lachten wir ein letztes vor dem nächsten Mal, und der einstmals Fremde blinzelte hinaus, selig längst, und wußte nicht mehr, wie er hierher geraten hatte können, in diese Gegend, nur noch, daß es gut war so und immer bleiben würde.

Schnitt. —–

Es kann manchmal erleichternd und befreiend wirken, wenn man einen Zahn gezogen kriegt. Zum Beispiel wenn mal wieder eine Wurzel durchbrennt (am besten sonntags oder feiertags) und der Kopf so randvoll ist mit intensivstem Schmerztohuwabohu, daß man überhaupt keinen Gedanken mehr in die Birne und auch keinerlei Äußerung mehr hinauskriegt außer „Gnagnagnagnahhh!“ oder etwas Gleichbedeutendem.

Reißt man hingegen einem gesunden Zeitgenossen ohne medizinischen Grund einen ebenfalls gesunden Zahn aus dem Kiefer, ist das Folter, und wenn man es wiederholt und der arme Kerl am Ende mit zwei, einem oder gar keinem Beißwerkzeug in der Gegend herumläuft, hat er mit den Zähnen auch einen Großteil seiner Lebensqualität (wenn ich so ein Wort mal in den, ähem, Mund nehmen darf) und seiner Würde verloren, die ihm die beste Prothese der Welt nur dann teilweise wiedergeben kann, wenn er das Glück hat, in eine reiche Dynastie hineingeboren zu sein oder auf einen Lottogewinn zurückgreifen zu können. Für den normalen Ausgebeuteten in postsozialstaatlichen Zeiten ist es mit dem Knabbern und Zubeißen vorbei.

Was dem Menschen seine Zähne, das sind dem Stadtteil seine Kneipen, im übertragenen Sinne: Reißt man ihm die Brutstätten sozialen Lebens eine nach der anderen aus dem gepflasterten Kiefer, verliert er nicht nur Biß und Würde, sondern gleich das ganze Gesicht.

Der Unterschied liegt einerseits darin, wer den Schmerz empfindet, der den Anlaß zur Amputation liefert. Das sind nämlich im Gegensatz zum Gebiß ganz andere als der Stadtteil, seine Bewohner und die, die drinsitzen in den Kneipen. Sondern die anderen, für die nur eines wichtig ist: daß Ruhe, Ordnung, Einheitlichkeit sowie absolute Kontrolle herrschen und der Profit sprudelt. Der sprudelt am besten, wenn niemand auf dumme Gedanken kommt, sich im geheimen zusammenrottet und herumsandelt oder gar revoltierende Sprüche klopft und regimegegnerische Pläne ausbrütet.

Drum reißt man ihm die Wurzeln aus, dem modernen Untertan, läßt ihn alle paar Jahre an einen neuen Ausbeutungs-„Standort“ rotieren, und wenn irgendwie doch so ein renitentes Häuflein  ideeller Gallier zusammenfindet, die da nicht mittun und sich die Wurzeln aus dem Boden reißen lassen wollen, dann reißt man ihnen halt den Boden von den Wurzeln, sperrt ihre Kneipe zu und verwandelt sie in einen der gesichts- und seelenlosen Gastronomieautomaten für Fast Food, „gehobene Kulinarik“ oder Kultszenesauferei, die in Kiel, Köln, Rostock und Freiburg und überall dazwischen exakt gleich aussehen und dasselbe bewirken.

Die widerständigen Gallier andererseits fühlen sich hinterher, wenn ihre jahrzehntelang bewohnten Heimstätten, die Zentren ihrer Lebsamkeit weg sind, alles andere als erlöst, sondern beraubt, betrogen, heimatlos, kastriert und wertlos, weil man es nicht mal für nötig hielt, zu fragen, ob sie da vielleicht ein Wörtchen mitzureden hätten und wem so ein Stadtviertel eigentlich „gehört“. Die, so hofft man in den Zentralen, werden sich dann schon fügen und mitmarschieren in die „neue Normalität“.

Schauen wir mal. Vielleicht habt ihr gewonnen. Vielleicht wird nun, wo nach den Livebühnen, Musikclubs, Wirtshäusern, Studentenlokalen, Stehausschänken und Bars auch noch der „Jennerwein“ weg ist, auch unser einst so wundervoll buntes, schöpferisch tobendes und eigensinnig verstocktes Westschwabing (das wohl nicht zufällig bei zwielichtigen Wetterdiensten neuerdings „Neuschwabing“ heißt) zur Wohn-, Aufzucht- und Fun-Maschine für euer Menschenameisenmaterial.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht geht euch demnächst die Wachstumsluft aus, und vielleicht schmeißen dann wir euch hinaus und fangen wieder an zu leben.

So oder so: Tausend Dank, lieber Bernhard, liebe Freundinnen und Freunde, erinnerte und vergessene, für viel mehr als nur dreiunddreißig wundervolle Jahre. Wir sehen uns wieder, some sunny day.

Die Kolumne „Belästigungen“ erschien bis April 2020 alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Derzeit kann das Heft nicht erscheinen, weil die meisten Veranstaltungen, die darin angekündigt werden könnten, aufgrund der Auftrittsverbote für Bühnenkünstler abgesagt wurden. Daher gibt es die Kolumne vorübergehend nur hier (und auf der In-München-Seite).

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