Belästigungen 10/2020: Der selige Schlummer der Idioten

Der Begriff des „Idioten“ ist von zentraler Bedeutung für das Verhältnis des Menschen zu der Welt, die ihn umgibt, ernährt und trägt, und seinen Umgang mit ihr. Hergeleitet wird das Wort aus dem Griechischen, dort ungefähr bedeutend: „Privatperson“ (die sich aus politischen und öffentlichen Angelegenheiten heraushält und deshalb davon auch nichts versteht). Was übrigens Franz „Josef“ Strauß einst als wenig überzeugende, aber erheiternde Ausrede für eine durchaus beleidigend gemeinte Beleidigung heranzog.

Bekannt ist zum Beispiel der Vollidiot, der von wirklich gar nichts eine Ahnung hat. Des weiteren literarisch belegt der Halbidiot, der immer ein bißchen was weiß, aber nie viel und oft Falsches, aus dem er dann falsche Schlüsse zieht und noch Falscheres behauptet.

Und es gibt den Fachidioten. Der versteht was von einer Sache, die er ausführlich und intensiv studiert hat, von allem anderen aber weiß er nichts und will er auch nichts wissen, weil das nebensächlicher Firlefanz sei. Allerdings tritt der Fachidiot selten in Form des zerstreuten Professors oder des kafkaesken Beamten in Erscheinung, sondern an ganz anderer Stelle und in ganz anderer Funktion.

Zum Beispiel einer, der gelernt hat, wie man möglichst schnell, billig und profitabel einen Wohnautomaten für möglichst viele Menschen zusammenbetoniert – wenn man den darauf hinweist, daß er zum Erstellen seiner Ghettos für steuerpflichtiges Arbeitsvieh ungeheure Mengen Sand und Kies braucht, zuckt er mit den Schultern: Na und? Dann graben wir eben den Boden auf, holen so viel Sand raus, wie wir brauchen, und rühren daraus so viel Beton zusammen, wie wir wollen!

Oder einer, der Sand zum Bauen aus dem Boden gräbt oder graben läßt: Der weiß genau, daß es inzwischen nur noch ganz wenige Stellen gibt, wo genug Sand liegt, um zumindest in den nächsten paar Jahren noch den hemmungslosen Betonierungstrieb der Baufanatiker ungehindert weiterwüten zu lassen. Wenn man dem erklärt, daß es sich dabei um Naturschutzgebiete handelt, platzt ihm der Kragen: Na und? Dann sollen die Bürokratendeppen eben irgendwo anders ein neues Naturschutzgebiet hinstellen! Und den Hinweis, es handle sich aber um die letzten Naturschutzgebiete in ganz Bayern, kontert er ganz folgerichtig: Na also, dann Schwamm drüber – der Mensch braucht, um lebenswert zu leben, kein Naturschutzgebiet, sondern einen Job, ein Einkaufszentrum und ein Betonloch, wo er fernsehen, schlafen und sein Auto abstellen kann!

Der Fachidiot kann meistens nicht wirklich was für seine Idiotie. Er hat halt nur eine Sache gelernt, und dabei hat er vor allem gelernt, daß alle anderen Sachen egal sind. Er ist auch nicht immer böse gesinnt – oft (man denke an den Virologen, auch wenn man das derzeit nicht gern tut) treibt ihn sogar ein richtig guter Wille, und daß er dabei hundertmal so viel Unheil wie Segen bringt und im Interesse eines falsch verstandenen guten Ziels hundert andere Sachen für alle Ewigkeit kaputtschlägt und vernichtet … ja mei, wie soll man ihm das vorwerfen?

So weit Voll-, Halb- und Fachidiotie. Bisweilen indes treten Mischformen auf, die nicht leicht einzuordnen sind. Und meistens sitzt irgendwo an einer entscheidenden Stelle jemand, der mit Vernunft und Expertise verhindert, daß die Idioten alles kaputtmachen. Meint man.

Wenn zum Beispiel die wahnsinnige Bande der Betonterroristen daherkommt und die gesamte Münchner Vorstadt samt Umland und per „Nachverdichtung“ auch noch die Stadt selbst ebenso für alle Ewigkeit kaputtmachen möchte, wie sie schon den restlichen Gebiete kaputtgemacht hat und derzeit kaputtmacht – dann gibt es ja immerhin noch einen Stadtrat, der da ein Wörtchen mitzureden hat.

Und um dieses Wörtchen mitreden zu können, haben sich die demokratisch gewählten Damen und Herren selbstverständlich in den Gebieten, die vernichtet werden sollen, sehr genau umgesehen, genauestens informiert und mit den Menschen, deren Leben durch die „Maßnahmen“ zerstört werden soll, gesprochen. Sie wissen des weiteren selbstverständlich bescheid über die neuesten Erkenntnisse in Sachen Stadtplanung, Umweltschutz, Wachstum, Ende des Zeitalters der fossilen Brennstoffe. Möglicherweise haben sie sogar mal ein Semester Soziologie oder Geschichte oder so was studiert und dabei auch ein paar Erkenntnisse erlangt.

Leider gar nicht, leider das absolute Gegenteil. Stadträte sind offenbar tatsächlich eine der erwähnten Mischformen: Ein großer Teil davon (insbesondere die gesamte SPD, aber freilich nicht nur die) interessiert sich für überhaupt gar nichts und winkt in antidemokratischer Fraktionsdisziplin einfach alles durch, was ihm die parteiliche Obrigkeit vorsetzt. Ein paar Halbidioten schwafeln irgendwas, was keiner versteht, sie selbst auch nicht, was sie aber mal wieder in die Zeitung bringt, zwengs Wiederwahl, weißt schon, Spezi.

Und der blökende Haufen der Fachidioten hat nach fast hundert Jahren noch immer nicht kapiert, daß wildwütiges Bauen im Falle einer Wohnungsnot fast immer das falscheste Mittel ist, und fordert hysterisch immer Neues, immer mehr, immer schneller immer mehr und immer das gleiche. Bis alles weg ist.

Bei einem solchen Konglomerat aus Halb-, Fach- und Vollidiotie kommt dann zum Beispiel heraus, daß bei einer großflächigen Vernichtungsmaßnahme im Münchner Norden (der Eggartensiedlung inklusive kollateral betroffener Gebiete außenrum) ein „Biotopverbund“ erhalten werden soll. Daß es sich bei dem zu verbindenden „Biotop“ um das Areal handelt, das zubetoniert werden soll, versteht keiner. Daß der „Verbund“ schon längst tot ist, weil im Zuge der letzten Vernichtungsprojekte vor ein paar Jahren die beiden Kleinstraßen der Gegend zu Tag und Nacht röhrenden Hauptverkehrsstraßen geworden sind, die in Zukunft noch mal zwanzigmal so viel Verkehr tragen sollen – ja Sakrament, wer soll denn das im einzelnen verstehen? Daß zudem die zu „verlagernden“ Kleingärten dorthin verlagert werden sollen, wo das letzte noch bestehende Biotop besteht, das angeblich mit dem anderen „verbunden“ werden soll – huch, na so was! Daß die „Kaltluftschneise“, die unbedingt bewahrt werden muß, weil das innere München sonst an warmen Tagen buchstäblich erstickt, zukünftig „Kaltluft“ in Form der Abgase von zehntausenden Autos, Heizungen, Klimaanlagen, Industriebetrieben und so weiter und so fort nach München hineinpumpen täte, wenn nicht sowieso die geplanten „Lärmschutzmaßnahmen“ die Luftzufuhr abschneiden sollten – ach so, haben wir da was falsch berechnet? Daß die zehntausenden „Bewohner“, die durch die Schaffung neuer Gewerbegebiete mit massig Arbeitsplätzen hergelockt und dort draußen kaserniert werden sollen, in ihrer Freizeit ganz bestimmt nicht in „Bürgertreffs“ im Betonghetto herumsitzen, sondern an den Schwabinger Bach und die Isar, in den Englischen Garten und in die Biergärten wollen wie alle anderen auch, daß aber niemand daran denkt, eine zweite Isar, ein paar neue Englische Gärten und Bäche oder wenigstens Biergärten zu bauen, daß folglich an Sommerwochenenden künftig das katastrophische Chaos der Normalfall sein wird, ebenso wie wochentags auf den zugestopften Stadtautobahnen, in den völlig überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, wie überhaupt und generell und immer überall, mit den üblichen Begleiterscheinungen vom massenweisen Burn-out bis zum regelmäßigen Amoklauf – wie hätten wir das denn ahnen sollen? Da hätten wir ja mal hinschauen, zuhören oder gar etwas lesen müssen, und dafür haben wir als Entscheider keine Zeit!

Diese Entscheider, die offiziös „die Verantwortung tragen“, die werden dann wie üblich alles mögliche tun, aber keinerlei Verantwortung tragen. Die sitzen dann längst irgendwo ganz anders in entscheidenden Positionen herum, verwirklichen die Wünsche ihrer betonierwütigen Gönner und ramponieren die nächste Stadt und Gegend.

Das alles ließe sich verhindern, wenn zumindest der eine oder andere Stadtrat hin und wieder oder einmal im Leben so aufrecht und ehrlich wäre, sich das, was durch seine Stimme kaputtgemacht und für alle Zeiten zerstört wird, zuvor wenigstens mal anzuschauen. Davon gibt es übrigens auch welche, momentan: einen oder zwei oder vielleicht sogar sechs oder acht. Die übrigen dazu zu verpflichten und ihnen, wenn sie sich weigern, ganz einfach das Stimmrecht (und im Wiederholungsfall den Sitz) im Stadtrat zu entziehen, wäre logisch und wünschenswert.

Es wäre aber auch demokratisch und ganz und gar unidiotisch. Und somit: utopisch und undenkbar.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint normalerweise alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN. Derzeit kann das Heft nicht erscheinen, weil alle Veranstaltungen, die darin angekündigt werden könnten, aufgrund der Coronapanik abgesagt wurden. Daher gibt es die Kolumne vorübergehend nur hier (und auf der In-München-Seite.

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