Belästigungen 04/2020: Wer mag denn (nicht) ewig leben?

Wenn man einen durchschnittlichen Zeitgenossen fragt, ob er gerne ewig leben täte, geht in den allermeisten Fällen sofort das Kokettieren los: „Ach nö, wozu denn, wird doch langweilig irgendwann“ und so weiter. Die reine Schwindelei, in so gut wie jedem einzelnen Fall!

Als wäre das Leben bloß so eine Episode, eine Art Ferienlager oder (falls man in die Falle von Lohnarbeit und TV-Unterhaltung getappt ist) Haftstrafe, die irgendwann zu Ende geht, woraufhin dann die nächste Episode daherkommt, im Himmel oder Jenseits oder in einer bislang unerkannt zusammengeknüllten Dimension. Es mag ja sein, daß es so etwas gibt. Es mag auch sein, daß es eine Zeit lang ganz nett ist, sich mit körperlosen Geistern im luftleeren Dunkelraum herumzutreiben und den Irdischen rätselhafte Botschaften zukommen zu lassen, damit ihnen die Haare zu Berge stehen, oder mit 72 Jungfrauen darüber zu disputieren, ob sie nicht am Ende doch Weintrauben sind.

Aber irgendwann mag man dann ganz gerne mal wieder ein Bier trinken gehen, ein Buch aufschlagen, in die Isar springen, sexuellen Vergnügungen nachgehen oder ein Fußballspiel anschauen. Das geht nun mal nur auf Erden und lebendig. Und so langweilig, daß man lieber sterben möchte, ist meines Wissens keine dieser Beschäftigungen jemals einem Menschen geworden.

Außerdem wäre es doch interessant, was im Laufe eines ewigen Lebens mit dem menschlichen Hirn passiert. Schließlich ist es ohne weiteres möglich, daß das ganze Gewese und Getue, das der Mensch auf Erden normalerweise so treibt, ob politisch oder philosophisch, militärisch oder wissenschaftlich, sozial oder wirtschaftlich, lediglich einer sehr frühkindlichen Entwicklungsstufe entspricht. Möglicherweise sind die fürchterlichen Kriege, mit denen unter anderem Deutschland seit 1999 in der Welt herumwütet, evolutionshistorisch so was ähnliches wie die gängigen Prügeleien im Sandkasten wegen der Verfügungsgewalt über Schaufel, Eimer und Sieb. Die wahnhafte Sucht nach Wirtschaftswachstum ähnelt (von den Folgen für den Gesamtplaneten und unbeteiligte andere Lebewesen abgesehen) sowieso dem Impuls des Kindergartenbamslers, sich aus dem Sack mit dem Süßzeug so ausgiebig zu bedienen, bis nichts mehr da ist und die Kotzerei losgeht. Und wenn ein normaler Mensch sich den Szeinzeit-Wirtschaftsfaschisten Friedrich Merz zum Bundeskanzler wählt, tut er nichts anderes als das neugierige Kleinkind, das sich eine Knallerbse ganz tief ins Ohr hineinschiebt, um zu schauen, was passiert.

Vielleicht verwächst sich all das irgendwann – in einem Alter, wo langsam Einsicht, Vernunft, womöglich Weisheit ins menschliche Hirn einzieht, das ein normaler Mensch aber nie und nimmer erreicht. Mit tausend Jahren, sagen wir mal. Oder mit hunderttausend. Womöglich machen dann, mit gewachsenem Verständnis und Horizont, auch all die anderen Sachen viel mehr Freude?

Man weiß es nicht. Was man weiß, ist: der normale Mensch, wie wir ihn kennen, schafft es innerhalb seiner normalen Lebensspanne nicht, irgendwas zu kapieren und zu einem Verhalten fähig zu werden, bei dem nicht alles kaputtgeht. Und das ist doch irgendwie schade.

Zum Glück ist die Sache noch nicht verloren. Alle paar Jahre klotzen Zeitschriften, die kein Tausendjähriger je läse, zum Zwecke der Verkaufsförderung markige Slogans wie „Ewig leben!“ und „Tod dem Tod!“ auf ihre Titelseiten und berichten von „Forschungen“, die eines Tages die Unsterblichkeit des Menschen herbeiführen sollen. Meistens geht es dabei – wen wundert’s? – in erster Linie um Geld. Und zwar – wie immer – um Geld, das die einen haben und die anderen nicht.

So las ich neulich einen Artikel über die Bemühungen diverser Firmen und Organisationen, deren Namen irgendwie nach Start-up, Science Fiction bzw. Unsinn klingen: SENS Research Foundation, Life Extension Foundation, Oisin, Ichor, RAAD, Methuselah, Human Longevity Inc. sowie alle möglichen Labs und Groups, Institutes und noch mehr Foundations tummeln sich da und wollen mit allem möglichen Gefummel um Mitochondrien, freie Radikale, Superwasser, zelluläre Gentherapien, Nanoroboter, Zellreparaturtechnologien dem Tod den Garaus machen. Hinter ihnen steht eine Clique von nicht sehr alten Leuten, die das kumulierte Ausbeutungsvermögen ganzer Dynastien geerbt oder mit einer lustigen Idee mal eben ein paar Milliarden angehäuft haben, sich jetzt langweilen und aber auf gar keinen Fall sterben möchten. Die spenden den zwielichtigen Vereinen dann einen Haufen Geld aus der Portokasse.

Zum Beispiel ein Paul Allen: Der hat früher mal Microsoft mitgegründet, ist dann 35 Jahre lang milliardenteuren Hobbies nachgegangen (zum Beispiel wollte er das größte Flugzeug der Welt bauen lassen, um Raketen abschießen zu können, und sammelte Yachten, Sportvereine und Kunstwerke) und hat u. a. auch vier Allen-Instituten jeweils 100 Millionen Dollar Taschengeld spendiert. Eines davon sollte „out-of-the-box-Ansätze am absoluten Rand unseres Wissens unterstützen“, um, na klar, den Menschen unsterblich zu machen.

Ist nicht viel daraus geworden. Zumindest hat man nichts mehr davon gehört, seit Allen vor eineinhalb Jahren starb. Was schade ist, sonst hätte man ihm eine Anregung geben können: 100 Millionen Dollar, verteilt an (sagen wir mal) tausend arme Familien, hätten ausgereicht, das Leben dieser Menschen um zehn oder zwanzig Jahre zu verlängern, weil sich arme Leute bekanntermaßen selbst in den reichsten Ländern von Dreck ernähren müssen und deswegen früher sterben. Gestorben wäre Herr Allen wahrscheinlich trotzdem, und sterben müßten irgendwann auch die, denen er auf diese Weise einen kleinen Teil von dem zurückgegeben hätte, was seinesgleichen den Menschen seit Jahrhunderten abpressen. Aber vielleicht wären sie allesamt ein bißchen glücklicher (gewesen).

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