Frisch gepreßt #441: Morrissey „California Son“

Der Bub ist jetzt ein Kalifornier. Du weißt schon: Sonne, Strand, sinnlos bunte Autos und Getränke, schimmernde Langeweile und mehr Haschischsorten als Lebensmittel. Und Filme und so, Glanz und ausweglos reiche Kaputtheit, strahlende Fassaden aus Goldfolie und Sonnenöl.

Echt jetzt? Der Bub? Der Inbegriff des stubenhockenden englischen Working-class-Losers (irischen Ursprungs), der aus der Lava seiner im Depressionsvulkan der Ausweglosigkeit zerschmolzenen Second-hand-Träume glühende Verse schliff, die das Herz mit dem Rasiermesser streicheln und dem Bösen in der Welt mit schmerzhaft bedauerndem Lächeln den Dolch in den Unterleid rammen, so nebenbei, während auf der Hauptbühne Regen auf leere Straßen fällt, viel Regen, viele graue Straßen?

Aber den gibt es ja schon lange nicht mehr, auch wenn die unbelehrbare Fraktion nachwachsender Borderline-Narzißten nicht müde wird, sein ikonisch-historisches Frühwerk zur Bibel zu kanonisieren und alles nach „Viva Hate“ (oder davor) als apokryph zu schmähen. Kalifornier war er schon, als ihn das Wolfsrudel (oder die Schafherde) der Journalisten und Musikindustriellen, das ihn zuvor langsam und beharrlich verdörren ließ, 2004 plötzlich wieder in die Arme schloß, um ihn dann ebenso plötzlich wieder zu verstoßen, weil er nicht mittun mochte bei dem Theater, weil er nicht mal versuchte, ein Sandkörnchen der erforderlichen „ironischen“ Beliebigkeit abzusondern, sondern ernst nahm, was er machte, und sich auch keinerlei Einmischungen und Ratschlägen beugte.

„Nach Morrissey konnte es keine Popstars mehr geben“, meinte Mark Simpson einst, und der kennt sich aus: „Sein beispielloses Wissen über die gesamte Popmusik, sein einzigartiges Vorstellungsvermögen, was es bedeutet, ein Popstar zu sein, und sein atemraubend perverser Anspruch, große Kunst daraus zu machen, erschöpfte die Form für alle Zeiten.“

Kann man so sagen. Man könnte auch nichts sagen und zuhören/lesen, aber das ist nicht, was Journalisten tun, und Morrissey andererseits sagt zwar gerne mal nichts, aber wenn er was sagt, kann man es prima interpretieren und auf vielerlei Arten falsch verstehen.

2017 hat er mal wieder was gesagt und vor allem gesungen: über Medien und so, von denen man sich besser fernhält und so; das ging in Zeiten des „Lügenpresse!“-Gebrülls gar nicht. Seitdem ist er wieder mal böse und schlecht, und na gut, so toll war das Album damals auch nicht.

Drum aber hagelt es jetzt für sein erstes Album voller Coverversionen weniger Kritik und Verrisse als genüßliche Häme, trotzigen Zorn und berechenbar billiges Geschimpfe. Dabei ist schon die Auswahl der Songs abenteuerlich und höchstens für promovierte Morisseyisten weniger überraschend: Welcher Wahnsinnige käme schon auf die Idee, Jobriath, Buffy Sainte-Marie, Roy Orbison, Bob Dylan, Carly Simon, Joni Mitchell, Gary Puckett & The Union Gap, Phil Ochs, Dionne Warwick, Laura Nyro, Tim Hardin, Phil Ochs und Melanie auf ein Album zu packen?

Daß bei einem solchen (scheinbaren) Mischmasch was daneben gehen kann, schon wegen der teilweise immensen, insgesamt titanischen Fallhöhe, versteht sich. Carly Simons gesichtsloses „When You Close Your Eyes“ kriegt hier zwar Substanz und Tiefe, bleibt aber als Song unerheblich, und bei Jobriaths „Morning Star Ship“ gleicht das famose Arrangement das Fehlen der kosmischen Glam-Einsamkeit nicht ganz aus. An das Königsdrama der Ober-Drama-Queen Orbison kommt Morrisseys „It’s Over“-Version auch nur sehnend knapp heran (allerdings übertrifft sein eigener Jahrhundert-Trennungssong „You Were Good In Your Time“ von 2009 Orbisons Gesamtwerk und überragt das ganze Genre). Andererseits ist Melanies Schmachtfetzen „Some Say (I Got Devil)“ erst hier wirklich genießbar, und „Days Of Decision“ hat eine schicksalhaft dräuende Wucht, gegen die Phil Ochs’ Original eher wie Pfeifen im dunklen Wald wirkt.

Der Rest ist mal respektvoll, mal flammend, mal Mimikry, mal Karneval, Gesang, Arrangements und das Spiel seiner Band ideenreich, vielfältig, hochemotional und furios. Am erstaunlichsten aber ist, daß man, wüßte man’s nicht besser, kaum auf die Idee käme, es mit Covers zu tun zu haben – eher hätte man hier und da den Eindruck, gewisse Stellen irgendwo bei Morrissey selbst schon mal (ähnlich) gehört zu haben. Und die Ahnung, daß der Autor hinter diesen Interpretationen verschwinden möchte. Vielleicht ist es das, was ihn zum Kalifornier macht …

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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