Frisch gepreßt #420: Years & Years „Palo Santo“

„Du darfst vieles tun, aber manches nicht: zum Beispiel dem Sailer mit gewissen Sachen kommen.“

„Aha, und was für Sachen sollen das sein? Und wieso darf ich das nicht?“

„Erstens: weil er eine Allergie gegen 90er-House, Autotune-Elektropop und Plastik-R&B hat. Zweitens: weil er dann notfalls alles zusammenschlägt, anschließend in ein Koma verfällt und danach drei Tage lang das ganze Viertel mit extrem krustigem Hardcore-Punk beschallt. Das kann niemand wollen!“

„O Gott, nein!“

Moment, was läuft hier?

„Nichts, wir … wollten nur … äh, eine Ratlosigkeit vermeiden, die aus Nichtzugang entsteht und böse Folgen hat. Also einfach nicht hinhören!“

Nichtzugang? Das wollen wir doch erst mal sehen.

„Aber: Autotune! (und mehr)“

Autotune? Läßt sich erklären. Autotune, bekannt als nervtötende, fast immer deplazierte Verfremdung, ist hier, zumal bedacht verwendet, am Platz. Autotune löst die Stimme quasi in elektronischem Alkohol auf und läßt sie als pures Destillat neu erstehen, befreit von allen Spurenelementen und Verunreinigungen, Kratzigkeit, Erdigkeit, emotionalen Ballaststoffen. Das macht sie körperlos und extrem gelenkig, sie wird zu einer Art kosmischem Zwitschern, dessen menschliche Anteile nicht mehr spürbar sind, wenn sie durchs Universum der hygienischen Beats und Reintöne flittert. Bei diesen verläuft der Prozeß im Grunde umgekehrt: Saiten, Felle (ohnehin längst traditionell aus Plastik), Bleche, vibrierende Blätter, Ventile und anderer mechanischer Plempel wird von vornherein nicht mehr berührt noch benötigt.

Der Ton als solcher ist elektrischer Impuls, geformt und moduliert in der unendlichen Mikroskopizität digitaler Schaltkreise, somit absolut und gar nicht erst in Gefahr, von humanen Befindlichkeiten manipuliert oder beeinträchtigt zu werden. Abgesehen vielleicht von Störanfälligkeiten der leider immer noch notwendigen und zwangsläufig ben mechanischen Lautsprecher, die aber in naher Zukunft sicherlich verdrängt werden durch die Direktübertragung in robotisierte, auch nicht mehr für die Sperenzchen diverser Eiweißverbindungen anfällige Gehirn- und Bewußtseinsbereiche.

Aber das sind ja nur die – sozusagen, um in irdischen Termini zu sprechen – Rohstoffe. Das musikalische Strukturgerüst, das das Trio daraus erbaut, hat durchaus, horribile dictu, historische Bezugspunkte, was sich aber aus der mathematischen (Obacht!) Natur jeder Musik ergibt: Wenn man sich nicht in die hermetisch siedende Ursuppe von beispielsweise hartem Free Jazz begeben will, hat man ein überschaubares Sortiment von Kombinationen und Schattierungen zur Verfügung, die sich gegenseitig auseinander ergeben und bedingen.

Drum ist es gar nicht abwegig, wenn Years & Years als solche Bezugspunkte Radiohead, die Beatles, Joni Mitchell, Aalyiah, Sigur Ros, Scritti Politti, Marilyn Manson und Timbaland angeben (lassen). Wir fügen gerne, was sie vielleicht aus peinlicher Vorsicht unterlassen, eine beliebige Palette klassischer Progressive-Vorreiter aus dem weiten Galaxienhaufen zwischen Genesis und Yes hinzu. Und wir garantieren: Wer auch immer hörgewohnheitsmäßig-biographisch auf irgendeinen dieser Anhaltspunkte geeicht ist, wird diesen nirgendwo erkennen. Weil alles, was (eventuell) daher kommt oder (wahrscheinlicher) demselben Gedankenfunken entsprungen ist, in elektronischem Alkohol aufgelöst wurde und als reines Destillat neu erstanden ist.

Welche Art von tonalem Kosmos (wir erwähnen noch Olly Alexanders Stimme, die eher an eine astrale Nina Simone erinnert als an maskuline Vokalorgane) wäre besser geeignet (oder ein besserer Entstehungsurgrund, vermutlich beides in ursächlich-wirkender Verflochtenheit) zur Umsetzung und Illustration einer Science-Fiction-Geschichte über eine dystopische Gesellschaft (oder sagen wir: ein Konglomerat) geschlechtsloser Androiden, die zugleich in Auszügen für eine Reklamekampagne einer Massenmodemarke eingesetzt wurde („Hypnotised“)? Was wäre eine bessere musikalische Metapher für die Welt, in der wir nach intensivem Studium einschlägiger Innovationsmeldungen phasenweise zu existieren wähnen? Na?

„Oha. Wer hätte das gedacht?“

Brav. Und jetzt her mit der Hardcore-Playlist!

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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