Frisch gepreßt #418: Melody’s Echo Chamber „Bon Voyage“

„Melody!?“

„–“

„Melody! Wo steckt denn das Kind schon wieder?“

„Wo wird sie stecken? Vermutlich in ihrer Echokammer, wo sie mal wieder diese … Dinge tut.“

„Oh.“

„Na, wer hat ihr die Kammer denn eingerichtet und wohlwollend genickt, als sie all diese … Dinge hineingeschleppt hat, Trommeln, Instrumente und … na ja, Geräte?“

„Hach, sie wird noch verhungern da drinnen. Man sieht sie ja oft tagelang nicht!“

„Wenn ihr was fehlt, wird sie sich schon melden. Immerhin kann ihr da vermutlich nichts passieren, so wie letztes Jahr dieser Unfall.“

„Herrje, daran mag ich gar nicht denken!“

„Eben, drum laß sie lieber. Was willst du überhaupt von ihr?“

„Ach, ich wollte ihr nur die Plattenkritik vorlesen, die heute in der Zeitung steht. Über ihr neues Album.“

„Oh. Was steht denn da?“

„Das wird sie freuen. Erst einmal heißt es da, daß ‚Projekte‘ grundsätzlich ja immer verdächtig seien, vor allem von hochbegabten Multiinstrumentalistinnen, die ganz allein in ihrem Kämmerchen sitzen und alles selber spielen. Daß da meistens oder oft nur Käse herauskommt oder höchstens sterile Plastikmucke wie damals bei Prince.“

„Na, das klingt ja nicht gerade erfreulich.“

„Aber bei ihr, heißt es, sei das eben anders. Schon wegen ihrer seltsamen Vorliebe für Psychedelic und Krautrock, so abseitige … Dinge.“

„Was heißt hier abseitig? Das hat sie aus meiner Plattensammlung. Wollen die mich beleidigen?“

„Eben nicht. Es komme nur selten vor, heißt es, daß dabei richtige, erinnernswerte Songs herauskommen. Und das täten sie bei Melody eben schon. Daß das richtig Spaß macht und ins Ohr geht, heißt es. Zum Beispiel in ‚Cross My Heart‘, wenn der Refrain kommt mit diesem tollen Riff. Ähm, was ist denn ein Riff?“

„Etwas mit Gitarre. Und weiter?“

„Ja, und ‚Breathe In, Breathe Out‘, heißt es, könnte ein richtig langweiliger Ohrwurm sein, wenn Melody nicht so viele hübsche Ideen und Gespür für Atmosphäre hätte. Und daß ‚Desert Horse‘ wie eine sanfte Droge wirke, die den Hörer mit Sommer erfülle wie eine Kanne mit Tee.“

„Was nehmen denn diese Leute, wenn sie ihre Kritiken schreiben?“

„Ist doch schön! es heißt weiter, daß ‚Quand Les Larmes D‘un Ange Font Danser La Neige‘ an eine frühmorgendliche Super-Session bei einem Hippiefestival im erträumten Jahr 1967 erinnere, bei der Keith Moon und Ginger Baker dreihändig trommeln und fünf bis sieben Bands sich in ein anderes Universum hineinjammen, in dem Woodstock und Altamont nie stattgefunden haben und stattfinden werden und der Epochentraum vom klingenden Weltfrieden ewige Gegenwart wird. Gut, das ist jetzt schon ein wenig kurios.“

„In der Tat, das kannst du laut sagen.“

„Vielleicht lese ich ihr das besser gar nicht vor? Nicht daß sie wieder so … seltsam wird?“

„Du meinst so wie letztes Mal, als jemand meinte, sie tänzle auf einem Seil zwischen ihrer klassischen Ausbildung und dem davon anerzogenen Drang, die Explosion ihrer Ideen in strukturierte Formen zu gießen? Das habe ich bis heute nicht recht verstanden.“

„Ja, und wo sie sich doch immer noch von dem gebrochenen Wirbel und dem Aneurysma erholt, ist es vielleicht gar nicht gut, sie so zu verwirren.“

„Richtig. Zumal zu viel Lob auch eher schadet. Was steht denn da noch? Nichts Negatives?“

„Eigentlich nicht. Außer vielleicht, daß ihre Stimme sehr an Margo Guryan erinnert. Dann das mit den brasilianischen und türkischen Einflüssen und ihrer hörbaren Liebe zu Shuggie Otis. Und daß die Platte nach ‚Shirim‘ genau an der richtigen Stelle endet, bevor sie ausartet.“

„Das ist doch nicht negativ.“

„Nicht wirklich. Die schreiben auch noch, daß man dazu richtig schön tanzen könne und Lust bekomme, gleich noch mal von vorn anzufangen.“

„Weißt du, ich glaube, es ist besser, wir lassen sie in Ruhe tüfteln. Sonst kommt sie doch wieder auf dumme Ideen, und wir wissen ja, wie das ausgehen kann.“

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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