Frisch gepreßt #415: Die Nerven „Fake“

Der Widersinn ist dem Leben des Menschen als Grundprinzip und -bedingung eingepflanzt. Zum Beispiel A und K: Zwei Jahre lang galten sie in ihrem Kreis als Vorzeige- und Idealpaar, schätzten und liebten und kümmerten sich umeinander, lächelten ein Lächeln und lebten ein Leben, mit ein paar zwistigen Entsöhnungen hier und da und dann, die stets zuverlässig in noch mehr Versöhnung mündeten. Dann beschloß A, sie fühle sich eingeengt und es müsse auf der Welt noch mehr geben als Zufriedenheit, intellektuell-emotionalen Einklang und perfekten Sex.

Gab es auch: Unrast, Leere, Ratlosigkeit, Hoffnung und eine Serie von Versuchen, das Aufgegebene mit anderen in genau gleicher Form wiederherzustellen und erneut zu kündigen, was zu Beliebigkeit und der Erkenntnis führte, daß man … es weiter versuchen muß. K ging nach einer angemessenen Phase von abwechselnd sich überlappenden Trotz-, Trink- und Trauerwellen ähnliche Wege, jammerte einer Reihe zufälliger Bettbesucherinnen so lange vor, wie gemein und dumm das Leben und aber eigentlich nicht das Leben, sondern A sei, bis diese zuverlässig das Weite suchten und aufgrund unergründlicher Dispositionen beim nächsten Jammerer landeten.

Hin und wieder gingen A und K einen Kaffee trinken, plauderten über die Zustände und fanden es schade, daß alles so enden mußte und nicht wiederherzustellen war. Fragte man sie, wieso das ihrer Meinung nach so sei und weshalb sie es nicht einfach versuchten, erntete man verwunderte Blicke: weil das halt nicht gehe und der Mensch nun mal grundsätzlich und überhaupt nach vorne blicken müsse. Irgendwann – jeder weiß es, keiner glaubt es – ist man dann im camembertschen Sinne reif genug, um sich in Beruf und Arbeit vergeblich zu verwirklichen, endlich die Sinnsuche auf sich selbst umzuleiten und mit esoterischen Heilslehren die Leere zur Fülle zu erklären.

Andererseits: Wäre nicht der Widersinn so alles durchdringend, zöge er sich nicht als Borte um und als Schußfaden durchs Gewebe des Dasein, dann gäbe es Schallplatten wie diese nicht. „Finde niemals zu dir selbst!“ zum Beispiel „denkt“ Max Rieger „laut“ („manchmal“) und bringt mit dem Fahrtenmesser der Bösironie auf den Punkt, wo der Haken begraben ist. Ächz! Uff! Metaphernsalat! Das kommt heraus, wenn man versucht, zu umschreiben, was nicht zu umschreiben, sondern halt am besten zu hören und intuitiv zu begreifen ist: Songtexte, die wie eine Spritztüte der Begrifflichkeiten das diffuse Gewöll im eigenen Herzhirn zu perfekten Sentenzen formen. Ja, gut, ich hör schon auf.

Das ist nicht immer leicht zu ertragen, am ehesten noch in der dräuenden Halbbeliebigkeit der (eben!) immer „Neuen Wellen“ des Openers, der als eine Art kratziger Läufer im Eingangsflur liegt. Schon ist man drin, und nach dem zitierten lauten Gedanken haut „Frei“ mit metallischen Magenschwingern in sämtliche Kerben des Irrens und Wirrens von A, K und allen anderen: „Laß alles los! Gib alles frei!“, und am Ende stolpert der zerhackte Beat des Lebens als Skelett davon.

Es wird dann traurig, es wird buntgrau, besinnlich und pathetisch und zornig; es klingt selbstverständlich an an die großen Pfeiler der deutschsprachigen Schmerzpopmusik (Herrenmagazin und Findus). Es wölben sich gewaltige Bögen von entstellten, verwundeten, zerkrüppelten Melodien, Einsichten, neuen Fragen. „Alles falsch“, „Explosionen“, „Kann‘s nicht gestern sein?“, und wenn man den abschließenden Titelsong erreicht hat und in seiner ebenso epochalen wie alltäglich-banalen Elegie versinkt („Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid!“), weiß man im Prinzip alles. Und nichts, weil: Was hilft‘s?

Doch, kann sein, es hilft was: A und K haben ein neues gemeinsames Lieblingsalbum, und die Blicke, die sie sich in den letzten Tagen zuwerfen, lassen ahnen, wenn nicht hoffen, daß es doch nicht mehr gibt und daß sie das eingesehen haben.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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