Belästigungen 10/2018: Die unsichtbare Universität (ein Plädoyer für die Nutzlosigkeit)

Eine Freundin berichtete vor einiger Zeit, sie studiere jetzt an der Universität. Irgendwas mit Schaltkreisen, die man über spezielle Bluetoothfrequenzen steuern könne und die für die Autoindustrie enorm zukunftsträchtig seien. Es sei ziemlich schwer; sauviel zu lernen in viel zu kurzer Zeit, ständig Prüfungen. Sie komme überhaupt nicht mehr zu den Sachen, die sie interessieren. Aber man brauche eben eine Bildung, damit man mal einen anständigen Job finde.

Spontan und etwas leichtfertig korrigierte ich ihren Irrtum: Weder studiere sie, noch sei sie an einer Universität (abgesehen von dem Gebäude, das aus Traditionsgründen diese Aufschrift trage). Vielmehr mache sie eine hochspezialisierte berufliche Ausbildung, deren Ziel die Qualifikation für eine Arbeitsstelle sei. Mit Bildung habe das absolut nichts zu tun, weil Bildung im Zweifelsfall lediglich dazu führt, daß man die Notwendigkeit eines Jobs und der Lohnarbeit als solcher und des Kapitalismus insgesamt grundsätzlich anzweifelt.

Sie war geringfügig verstimmt. Selbstverständlich diene ihr Studium der beruflichen Qualifikation! Sie wolle ja was erreichen und bewegen! Wofür man denn bitte sonst einen Abschluß mache? Und ich hätte doch auch mal studiert?! Und was ich daraus eigentlich gemacht hätte?

Nun holte ich ein bißchen weiter aus. Studieren, sagte ich, bedeute, sich in eine Sache so hineinzuversenken, daß man darin aufgehe. Was für eine Sache das sei, spiele keine Rolle. Eine Universität wiederum sei eine Einrichtung, wo sich Menschen sammeln, um sich in ein (meistens äußerst exotisches) Interesse zu versenken. Eine Lehre, wie sie jetzt immer gefordert wird („Mehr Lehre! Weniger Forschung!“) sei dort kaum vorgesehen, abgesehen von ein paar Arbeitstechniken. Ansonsten tue man lesen, excerpieren, sinnieren, diskutieren, formulieren – eben studieren. Irgendwann zwischendurch entstünden Arbeiten, Aufsätze, Bücher, meistens in mikroskopischer Auflage, zu Themen und Problemen, für die sich im Idealfall nicht mehr als drei Menschen auf der Welt interessierten.

Arbeiten, sagte ich, könne man ja auch, danach oder daneben, zur Not sogar einen Beruf erlernen oder halt irgendwas Peripheres tun – nicht wenige Schriftsteller zum Beispiel hätten Jura studiert, manche sogar Literaturwissenschaft. Man könne auch Bäcker, Bauer, Beamter, Baumeister oder Bierbrauer werden. Aber der wesentliche Punkt an einem akademischen Leben sei eben dies: daß man etwas studiert, weil es einen interessiert. Aus keinem anderen Grund und vor allem: zu keinem Zweck. Oder wenn überhaupt zu einem Zweck, dann zu diesem: eine (idealerweise) sämtliche Klassengrenzen zwischen tumbem Geldadel, forscher Wachstumselite und ausgebeutetem Arbeitsvieh ignorierende und (irgendwann) aufhebende Gemeinde von verschrobenen Vergeistigten zu schaffen oder zu erhalten, die zwar keinerlei Nutzen hat, aber etwas in die Welt trägt, was dieser auch nicht schaden kann: Kultur.

Deswegen, sagte ich, gebe es an einer anständigen Universität nur Geisteswissenschaften und in diesen wiederum nur Spezialisten und Fachidioten, die ihr Mikrofachgebiet und ihr Interesse daran heutzutage ständig verteidigen müssen gegen Effizienzfanatiker, Menschenmaterialzüchter, Technokraten und Profitfaschisten, die sie abschaffen wollen, weil hinten kein Geld rauskommt und sie die Seminarräume für ihre Drillmodule brauchen. Was denn herauskomme, wenn jemand fünfzig Jahre lang Grabsteininschriften aus dem hinteren Bayerischen Wald studiere? Wozu jemand mit staatlicher Förderung Münzen deuten, Gedichte interpretieren und Handschriften katalogisieren müsse? Die Antwort sei eindeutig: nichts! und: weil er will!

Sie blickte etwas trüb und meinte, das ergebe doch keinerlei Sinn. Der Sinn, sagte ich, liege (immer übrigens) in der Sache selbst, und sie wandte ein, daß man das, was man erforsche, zu irgendeinem Nutzen der breiten Allgemeinheit einsetzen müsse, politisch oder sozial oder irgendwie. Nein, sagte ich. Aber (sie) es habe doch zu fast allen Zeiten (außer heute eben) Universalgelehrte gegeben, die Kaiser und Völker beraten und – eben – belehrt hätten. Leute wie Athanasius Kircher, den viele für den letzten Mann halten, der alles wußte. Das sei doch ein Nutzen!

Ja, sagte ich. Aber abgesehen davon, daß Wissen mit Bildung nur ganz am Rande zu tun hat und in diesem Rahmen lediglich bedeutet, daß man eine ungefähre Ahnung hat, wo in der Bibliothek man nachschauen muß oder könnte, war der Herr Kircher halt ein sehr typischer Universalgelehrter: Fast alles, was er in seine vielen Bücher hineinschrieb, besteht aus Irrtümern, falschen Annahmen, fehlerhaften Schlüssen, Gerüchten, neurotischen Verschwörungstheorien, Mißverständnissen, frei Erfundenem und blankem Bullshit. Und wenn solche „Universalgelehrten“ tatsächlich was bauten (meistens: innovative Waffen), flog es gerne mal unter Mitnahme ihres und anderer Leben in die Luft.

In dieser Hinsicht unterschied er sich also kaum von einem modernen „Wirtschaftswissenschaftler“. Während zum Beispiel einer, der sich für Kafka interessiert, irgendwann an einem Detail, einem Textchen, einer Zeile, einem Wort hängenbleiben kann und den Rest seines Lebens damit zubringen wird, das zu deuten und Aufsätze darüber zu verfassen, die niemand liest. Das, sagte ich, sei nicht verwerflich, sondern höchst sympathisch, und wenn schon sonst nichts, dann machen solche Leute immerhin nicht die Umwelt kaputt, beuten niemanden aus und führen keinen Krieg. Sowieso sei die alte Weisheit des Dschuang Dsi viel zu wenig bekannt, die da lautet: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein. und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“ Und sie solle mich bloß nicht fragen, um was es in meiner Magisterarbeit gehe.

Die Freundin „studierte“ noch ein paar Wochen zunehmend lustlos weiter, dann erzählte sie mir, sie habe bei Dschuang Dsi eine Sentenz entdeckt, die sie total fasziniere, ebenso wie der systemisch kongruente Niederschlag von dessen Weisheiten im erzählerischen Werk von Herbert Achternbusch. Deshalb habe sie ihr „Studium“ geschmissen und sich einen Kellnerjob gesucht, um diese Windungen und Verbindungen studieren zu können. Leider gebe es eine Universität oder gar eine geisteswissenschaftliche Fakultät, an der sie solches ohne Zeitdruck und ständige Belästigungen wegen mangelndem „Nutzen“ tun könne, nirgendwo mehr, drum tue sie es einfach so, zu Hause und allein und nutzlos, aber beglückt.

Ach, sagte ich, laß sie uns doch gründen, deine Universität. Könnte der Menschheit in ihrem derzeitigen Zustand gar nicht schaden. Es muß ja keiner wissen.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN München.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Michael Sailers Blog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen