Frisch gepreßt #408: Fleetwood Mac „Fleetwood Mac“ (Expanded Edition)

Wie Gewalt zwischen Menschen funktioniert, privat: das fragen Sie am besten (oder zweit-, dritt-, fünftbesten) mal Stevie Nicks.
Wir vernehmen ein leises Grummeln: Stevie wer? etwa die von Fleetwood Mac, diesem weichgespülten Schlagerpop-Dinosaurier aus Kalifornien, der mit seinen aufdringlichen Honigbomben „Go Your Own Way“ und „Don’t Stop“ seit vier Jahrzehnten das Autoradio verstopft und dafür sorgt, daß die auf dem Rücksitz kauernden Kinder die „Rockmusik“ erst zerschlagen, dann ganz neu erfinden, dann verbrennen und schließlich gar nichts mehr davon wissen wollten, weil ihre kaugummikauenden Eltern davon gar so friedlich-fröhlich wurden, daß sie vor lauter Zuckerwatte-Feeling gar nicht bemerkten, wie sie der Scheidung entgegenbrausten?

Ja, die. Die waren nämlich tatsächlich mal eine Rockband (ein leises Echo hört man hier auf „World Turning“) gewesen und überhaupt nicht aus Kalifornien, sondern … Holen wir kurz aus, die Geschichte ist lang. Juli 1967: Da gründete man noch Bands, ohne vorher ein Seminar besucht und einen Businessplan erstellt zu haben. Da war das Bandgründen zwar nicht mehr neu, aber so recht wußte noch kaum jemand, wie das geht, weil Oma und Opa nicht mit nostalgischem Blinkern davon schwärmen konnten. Da wurden Fleetwood Mac gegründet, in London, eine Bluesband, wie es viele gab (und anfangs Teil von John Mayalls Bluesbreakers), aber eine ziemlich bombige, die bald große Hallen füllte und etliche tausend Platten verkaufte, neun Alben und sieben Jahre lang, in denen einiges passierte. Unter anderem kiffte sich Wundergitarrist Peter Green so effektiv in die Psychose, daß ihn ein (in München übrigens) ziemlich zufällig eingeworfenes LSD-Blättchen zum schizophrenen Wahnprediger wandelte und er für viele Jahre in diversen Anstalten verschwand. Sein Nachfolger ging ein Jahr später „’ne Zeitschrift holen“ und kam nie zurück (christliche Sekte etc.). Sein Nachfolger wurde engagiert, ohne daß man sich die Mühe machte, etwas von ihm zu hören.

Tausender waren etwas, womit die zum sagenhaften Hypermonster aufgeblähte Popindustrie 1974 höchstens noch zwischendurch Kilos von Kokain in ihre Nasenlöcher blies. Da mußte, wer mithalten wollte, schon andere Stelligkeiten auffahren. Fleetwood Mac waren 1974 tatsächlich in Los Angeles gelandet, aber nur noch ein Wrack: Alkoholexzesse, gefeuerte Kurzzeitmitglieder, bröckelnde Ehen und Beziehungen, abgesagte Tourneen, ein desinteressierter Plattenkonzern und ein Manager, der eine Fake-Band unter ihrem Namen auf Tour schickte.

Intro Stevie Nicks und ihr Sex- und Songwritingpartner Lindsey Buckingham. Mit ihnen wurde der kümmerliche Resthaufen tatsächlich zur Softrockband, was in einer Verpuffung von Peinlichkeit enden hätte können – aber zu diesem Album führte, dem sogar die bösesten Schimpfer zugestehen mußten, daß es was Magisches hatte: schimmernde Gitarren, eine flockig schwingende Rhythmusgruppe und körperlose Gesänge, die so anmutig durch die Sphären tanzten, daß man das Autoradio dafür erfinden hätte müssen, wenn es nicht schon begierig bereitgestanden wäre. Ein paar Monate dümpelte die im Juli 1975 erschienene Platte herum, spielte die Band in jedem Drecksloch, dann kletterte die (neu aufgenommene) Single „Over My Head“ in die US-Top-20, und schon waren fünf Millionen LPs verkauft. Ein Jahr, ein Album und einen Grammy später waren das Peanuts: bis heute sind’s insgesamt gut hundert Millionen.

Ja, und dann? Kam die Gewalt zwischen die Menschen. Die Traumwelt gebar drei kaputte Beziehungen (zwei davon intern), Drogenwahn, Suff, Haß, Nerven- und körperliche Zusammenbrüche, Schlägereien ohne Geschlechtergrenzen, eine einzige Seifenoper unfaßlicher Scheußlichkeiten, aufgeführt im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit und ausgiebig dokumentiert zwischen den Zeilen auf folgenden Platten. Ach so, wir wollten ja Stevie Nicks fragen: „Wir waren jung, und es war eine Tragödie, was das alles mit unserem Leben machte.“ Fragen wir genauer nach so einem typischen Abend (hier: in Neuseeland): „Ich glaube, ich sang in Lindseys Solo hinein. Er marschierte über die Bühne, gab mir einen Fußtritt, und es ging irgendwie weiter. Dann warf er seine Gitarre nach mir, wusch! Ich sah sie kommen und duckte mich. Sonst wäre ich tot gewesen, eine Les Paul wiegt 30 Pfund. Nach dem Song stürmte er von der Bühne, Chris ihm nach in die Garderobe. Sie packte ihn, wollte ihn umbringen. Die Bodyguards zerrten uns schließlich alle irgendwie auseinander.“ Die Tour: ging weiter.

Übrig blieb nach (und vor) all dem Irrsinn dieses halkyonische Album, dessen Wert und Schönheit sich vielleicht nur in Kenntnis der Umstände voll erschließen. Dann aber um so mehr (und auch ohne die 35 Bonus- und Livetracks, die’s dazugibt).

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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