Im Regal: Ulrich Greiner „Heimatlos – Bekenntnis eines Konservativen“

Ich bin, ich muß es gestehen, konservativ: Alles was gut, schön, wichtig und brauchbar ist, möchte ich mit solcher Vehemenz bewahren, daß mich das Gefasel von voranzutreibenden „Reformen“, „schmerzhaften Einschnitten“ und der Schädlichkeit jeglicher „Besitzstandswahrung“, das seit Jahren aus allen Kanälen dröhnt, schon als solches zur Raserei treiben kann. Auch die „Heimat“, die Ulrich Greiner im Titel beschwört, ist mir bis zur Irrationalität derart ans Herz gewachsen, daß ich (nur ein Beispiel!) den Abstieg des TSV 1860 in die bayerische Regionalliga als Jahrhundertsegen empfinde. Allerdings ist diese Heimat selbstverständlich nicht Deutschland, von dem ich weite Teile gar nicht kenne; sie läßt sich mit Landes- und anderen Grenzen überhaupt nicht bestimmen. Und auch die Dinge, die ich bewahrt sehen möchte, unterscheiden sich enorm vom „Wertekanon“ anderer Konservativer, etwa dem von Ulrich Greiner, Ex-Redakteur des transatlantisch-neoliberalen Amtsblatts „Die Zeit“.

Das Problem der Diskussion des Begriffs ist, daß es einen „Konservativismus“ als ganzheitliche Grundhaltung nicht geben kann, weil das Bewahrenwollen immer nur eine Reaktion auf das Verschwinden bzw. die (vermeintliche) Gefährdung dieser und jener Gegebenheiten ist. Ein konservativer Kommunismus ist ebenso plausibel wie der konservative Marktfaschismus, der seinem Scheitern in allen Belangen zum Trotz seit 35 Jahren das Lambsdorff-Papier als religiöse Monstranz vor sich herträgt und in Gestalt von FDP und AfD gerade wieder in den Bundestag eingezogen ist, um den Neoliberalismus von SPD, Union und Grünen weiter in Richtung Feudalismus zu radikalisieren.

Das schwarze Loch im Zentrum seines Wesens füllt dieser „Konservatismus“, wie er sich in selbstentlarvendem Schluder-Neudeutsch nennt, mit abgetakeltem Popanz und Plunder: einem Nationalstaat, den es in Deutschland vor dem Nazireich nur ein paar Jahre und danach aus guten (und anderen) Gründen nicht mehr gab, der jetzt aber erstehen soll, um Blutsvolk und Kulturrasse vor der Überflutung durch primitive Scharen aus dem Orient zu schützen, einem schwarzkitschigen Deutschtum, wie es aus Heimatromanen herausdünstet, und einem „abendländischen“ Christentum, das er seit den Kreuzzügen (und, wie wir vermuten dürfen, seit Hexenwahn und Judenvernichtung) „geläutert“ wähnt.

Daß Greiner eine Analyse der eigenen Haltung und Entwicklung (die eine solche selbstverständlich gar nicht ist) nicht ansatzweise gelingen kann, ist ebenso logisch wie exemplarisch, weil es dazu nötig wäre, sich ein paar Schritte von dem ideologischen Gewölle, das in seinem „Denken“ west, zu entfernen. Statt dessen spult er in gewohnter Bräsigkeit sämtliche Klischees und Phrasen seiner Zunft herunter, zitiert sich durch den Handapparat des „Zeit“-Praktikanten von Goethe und Hegel bis Safranski, Sloterdijk, Finkielkraut und Botho Strauß und bringt keinen einzigen originellen Gedanken zustande. Das ist insgesamt so langweilig, wie man das von den Einlassungen der hegemonialen rechten Medien kennt; lediglich die islamophoben Entgleisungen, zu denen er sich versteigt, verschlagen einem ein bißchen den Appetit. Ansonsten ist alles, was er aufzählt, wohlbekannt, von der angeblichen „linksgrünen kulturellen Hegemonie“ über den angeblichen „Kontrollverlust“ in der Flüchtlingspolitik, ein bißchen EU- und PC-Gedisse, die gruselige Sorge um „genealogische Ordnung“, „Blutsbande“ und „Ahnentafeln“ und eine teilweise (aber aus anderen Gründen) nachvollziehbare Abneigung gegen die Technisierung von Leben und Sterben bis hin zur Forderung von „Barmherzigkeit“ statt „Diktatur der Fürsorge“ (was stets auf Steuersenkungen zugunsten „mildtätiger“ Stiftungen hinausläuft) und dem üblichen Geschimpfe auf staatliches Wirken gegen sexuelle Diskriminierung, weil der Staat sich schließlich um das „große Ganze“ und nicht um individuelle „Selbstverwirklichung“ zu kümmern habe. Der eine oder andere Ansatz mag hier ganz interessant sein, leider aber denkt Greiner keinen Gedanken weiter oder gar zu Ende. Vielleicht war dafür einfach keine Zeit – die vielen Flüchtigkeitsfehler („dass“ statt „das“, zweimal „hingegen“ in einem Satz, „nichts weniger“ statt „nicht weniger“ usw.) lassen ahnen, daß das Büchlein in Eile zwischen Bahnhof und Bahnhof heruntergetippt wurde. Andererseits dürfte eine haarsträubende Stilblüte wie „Wer nicht einmal ‚Stille Nacht, Heilige Nacht!‘ auswendig kann, sollte vom christlichen Abendland schweigen“ nicht einmal das oberflächlichste (Selbst-)Lektorat passieren, ohne in einem Lachkrampf getilgt zu werden.

Wie gesagt, ein exemplarisches Machwerk: wirr, fragmentarisch, phantasie- und lustlos runtergeschrieben und insgesamt vor allem: dumm.

geschrieben im Oktober 2017 für KONKRET

Kommentar verfassen