Frisch gepreßt #407: Salvador Sobral „Excuse Me (Ao Vivo)“

Sagt es laut und sagt es stolz: Ihr steht zu euren Ressentiments!

„Wir stehen zu unseren Ressentiments! Laut und stolz, jawoll!“

Und zwar weil der Psychologe sagt?

„Der Psychologe sagt, daß das Vorurteil der wichtigste Bullshitfilter ist, den es gibt und geben kann!“

Gut, dann hätten wir das geklärt.

„Gut! Dann hätten wir das geklärt!“

Nun paßt’s aber wieder.

„Nun paßt’s aber wieder!“

(Geräusch einer sich sachte schließenden Tür, durch die sich der abgenutzte Joke hinausgeschlichen hat.)

So laßt uns denn einig sein: was wir machen mit – Eurovisions-Songcontest-Teilnehmern? „Die schmeißen wir hinaus!“ Mit: dem Adel? „Den hängen wir an die Laternen, wie’s das Revolutionslied will! Weil Bäume zu schade sind!“ Mit: Weichspülern? „Die schütten wir in die Waschmaschine und … Oh, falsche Kategorie!“

(Geräusch einer crescendierenden Diskussion.)

So laßt euch denn eine Geschichte künden, die das Gemüt wärmt und das Vorurteil mit feiner Backlauge pinselt: Von einem adeligen Schnöselchen handelt sie, entfernt verurschwägert mit Karl I. von Hohenzollern, das nichts zu tun hatte und daher eitel musizilierte, mit weichgespültem Jazz (sprich: „Jatz!“) Siebter bei „Idols“ und Erster beim Eurovisions-Tralala wurde und …

„Da haben wir’s doch genau beieinander!“

Richtig. Aber jetzt kommt die andere Seite der Geschichte: Wer wie wir die Konsumption von Eurovision stur verweigert, hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges an Ohrenrotz, Augenschmalz und Hirnschleim erspart; aber es geht mit jeder LKW-Fuhre Gerölldreck, den man dem blauen Fluß der Zufriedenheit aus dem Weg räumt, bekanntermaßen auch das winzige Goldkörnchen verschütt, das statistisch darin herumsandet.

So haben wir zum Beispiel nicht mitgekriegt, daß „Amar Pelos Dois“, mit dem Salvador Sobral im letzten Jahr das Eurodings rekordtriumphal gewann, ein gar niedliches, hübsches Liedchen ist, das ziemlich elegant an der Kitschgrenze vorbeiperlt. Nicht mehr ganz so geschickt, zugegeben, wenn ein ganzes Publikum den Chorus mitsingt, aber dann um so herzlich-kerzlich anrührender. Auch nicht wissen können wir, daß Sobrals Stimme, die erst mal doch recht babyputzig auf zärtelnden Spinnenbeinchen tänzelt, erstaunlich, fast frappierend vielgestaltig werden kann, wenn man sie läßt. Da gelingen Opernausflüge, Bluesgeraspel, Scatkapriolen, Improrisiken und Chet-Baker-Hommage ebenso erstaunlich sicher, sympathisch erfrischend (oder wahlweise andersrum) und zugleich heimelnd verletzlich wie trauliches Geplauder zwischen und während Songs, von dem man zwar kein Wort versteht, wenn man nicht portugiesisch spricht; aber was sind schon Worte im Flaum der Melodie?

Ebenso vielgestaltig übrigens ist das Repertoire, von der Ballade bis zur Ekstase, vom Scherz bis zum schwärenden Abgrund der Melancholie, der auf den Schwingen des Lebensfreuens durchsegelt wird wie in der Bossa-Jazz-Playlist, die uns in fernen Jahren manch klirrende Januarnacht zum (paradox!) stillen Paradies gemacht. Haben wir schon erwähnt, daß Sobrals Band aus pfundigen Virtuosen besteht, die insbesondere an Klavier, Baß und Schlagzeug (ein Solo! Oh holder Irrwitz alter Ären!) ganz für sich fesseln und glänzen, ob sie nun auf „echt alt“ machen oder sich mit durchgeknipstem Bremsseil gehenlassen.

„Obacht! Der Mann, der das sagt, ist derselbe, dem damals auch das erste Swingalbum von Robbie Williams so gefallen hat! Gewarnt! Gewarnt!“

Tut es noch, ihr Instanzengläubigen, die ihr damals vom Vorurteil abgefallen seid und dem Rezitipperurteil euch unterworfen habt! Und seid ebenfalls gewarnt: Wir könnten auch noch erzählen, daß sich der arme Salvador Anfang Dezember einer Herztransplantation unterziehen mußte und zwei Tage vor Heiligabend wegen Nierenversagen erneut auf der Intensivstation landete! Wir könnten dann sehen, wie (no pun intended) herzlos ihr seid, weiterhin zu meinen, der habe es leicht im Leben und könne vom Leiden daher gar nicht singen (und einer Blues/Jazz-Logikregel zufolge von gar nichts)!

Aber davon sprechen wir nicht. Davon spricht auch die Musik nicht. Und die lassen wir nun sprechen.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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