Belästigungen 03/2017: „Tschilp!“ (oder: Von Leid und Erlösung der wandelnden Virenpartyzone)

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man eines Morgens aufwacht und feststellt, daß man Mitbewohner in der Wohnung hat, von denen man bis dahin gar nichts wußte und die man auch nie eingeladen hat. Dann sitzen sie plötzlich am Küchentisch, trinken den Tee leer und tun so, als wären sie schon immer dagewesen.

So geht es dem Menschen im Januar mit dem ganzen Planeten, den er grundsätzlich in verblendetem Selbstwahn für den seinen hält und sich gewohnheitsmäßig untertan macht, indem er ihn mit Windrädern und Fabriken vollstellt, mit Teerbändern überzieht und mit einer Giftwolkenatmosphäre aus Abgas, Fake-News, Streß und Fernsehmüll bepumpt: Plötzlich ist er da nicht mehr allein und auch nicht mehr bloß von possierlichen Pflänzchen und Tierchen umgeben, die sich im Zweifelsfall flugs ausrotten oder einhegen lassen, wenn sie dem Wachstumsprozeß im Weg stehen. Sondern plötzlich gibt es da Mitbewohner, die sich absolut nichts bieten und auch nicht mit sich reden lassen, die vielmehr machen, was sie wollen, egal wie es dem Menschen dabei geht.

Die Rede ist von: Viren! Bakterien! Bazillen! Strepto- und allen möglichen anderen -kokken, die sich im Dauerfrost suhlen und unter den günstigen Bedingungen einer sonnenlosen Welt gedeihen wie der Schimmelpilz im Plastikbiotop. Wenn sie erst mal da sind und die Herrschaft ergriffen haben, ist jeder Widerstand zwecklos, weil sie den Menschen wirksamer manipulieren als Internet-Pornoreklame, Putins Meinungsbots, transatlantische Bullshit-Leitmedien und sämtliche Wahlkampfmanager der westlichen Welt: Zunächst läßt er sich von allen Seiten mit röchelnden, schniefenden, maladen Botschaften behusten, die vom allgemeinen Leid in seiner Peer-group künden, und stellt selbstzufrieden fest, daß ihn so etwas überhaupt nicht betrifft, weil er sich mittels vitaminhaltiger Ernährung und täglichem Kaltbrausen wirksam abgehärtet hat, dann wickelt er sich einen Schal um den Hals und stürmt hinaus in die gefrostete Stadt, um sich die ihm persönlich zugedachte Dosis an Erregern abzuholen. Kratzt dann der Hals und beginnt die Nase ihre Metamorphose zum undichten Schleimwasserhahn, pumpt er sich mit nutzlosen, aber teuren Antiobiotika voll, gurgelt sich mit literweise Zitronensaft zur Tonsillenverätzung, rotzt zentnerweise Zellstoff voll und unterzieht sich diversen weiteren Foltermaßnahmen, denen allen die altbekannte Regel zugrundeliegt: Ohne Behandlung dauert die Malaise eine Woche, mit Behandlung sieben Tage.

Die Perfidie der viralen Fremdbestimmung ist damit aber noch lange nicht erschöpft, sondern nimmt erst ihren Anfang: Kaum hat der Mensch festgestellt, daß er krank ist, beschließt er, er sei gesund genug, um seine Pflicht zu tun, bolzt sich in öffentliche Verkehrsmittel und Arbeitsplätze, um dort die Erreger zu verteilen, die ihm aus sämtlichen Poren und Körperöffnungen nur so herausströmen und zu diesem Zweck Niesreiz, Husten und Schneuzdrang einsetzen, damit die Epidemie sich noch effektiver verteilen kann, bis endlich halb, nein: ganz Europa eine einzige wimmelnde Partyzone ist, in der der Homo sapiens nicht mehr seine gewohnte Hauptrolle spielt, sondern lediglich als wandelnder Rummelplatz und Shuttle-Service der mikroskopischen Kreuch- und Fleuchbevölkerung dient.

Weil er aber nun mal nur ein Mensch ist, dessen hochtrabend als „Gehirn“ bezeichnetes Welterkenntnisgerät zumal in verrotztem Zustand den wahren Zusammenhängen und den hinterlistigen Fremdbestimmungsstrategien der Billiardenarmee von Infizierern nicht gewachsen ist, kriegt er davon nichts mit. Im Gegenteil läßt er sich von seinen langsam übermütig werdenden Planetenmitbewohnern gleich noch mit Sehnsüchten impfen, die der pandemischen Gesamtwelteroberung dienen: steigt in Flugzeuge und Züge und läßt sich hordenweise in warme Gefilde bomben, wo die Viren noch viel besser gedeihen und er zudem ein ganz neues Sortiment multiresistenter Keime einsammeln und nach absolvierter „Erholung“ zurück in die Heimat transportieren kann, wo sie sich umgehend entfalten, vermehren und eine breite Palette an neuen spaßigen Entzündungsvorgängen zum Partyspaß beitragen.

Ab hier wird die Geschichte unüberblickbar, und überströmt vom Fieberschweiß wickelt sich der Chronist noch fester und enger in die Schichten und Lagen von Decken, in denen er seit Tagen als halb lebende Roulade vor sich hindämmert und der Welt und dem auf ihr tobenden Treiben sinnierend einen Sinn zu entlocken versucht, der sich durch die zwischenzeitlich immer mal wieder wiederholte Betrachtung des Stillebens aus Grau, Weiß und Grau vor dem Fenster nicht erschließen läßt.

Aber unversehens begegnet man dem Blick der neugierigen Amsel, die draußen auf dem Sims fröhlich im Eichkätzchenfutter wühlt und sich fragt, was das da drinnen in der wohlig beheizten Menschenbude mal wieder für ein Gestöhne, Gejammere und Gewälze sein soll. Und weil man seit Tagen menschlicher Gesellschaft nicht zuträglich noch zugänglich ist, singt man ihr das gesamte vielstrophige Klagelied und hofft auf Mitgefühl.

Die Amsel indes weiß eine andere Geschichte: Die handelt von Geduld, von Vergehen und Wiederkehr und davon, daß der Mensch mit seinem Schmarrn einfach falsch denkt. Es ist eine lange, weise Geschichte, aber weil die Amsel nun mal schneller lebt, läßt sie sich zusammenfassen in einem knappen Achselzucken (doch, die kann das!) und einem lakonischen „Tschilp“.

Und da begreift man, wickelt sich wieder ein und fällt gelassen in den letzten Schwitzschlaf des Winters in der Gewißheit, daß ihm ein goldenes Erwachen folgen wird: in den Frühling, dessen würzig frische Luft schon in der Sonne badet, irgendwo hinter dem Horizont. Adios, ungebetene Mitbewohner!

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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