Frisch gepreßt #366: Zuckerklub „Jeden Moment mit Myri am See“

Neulich saß ich mit Chio und Marlen in ziemlicher Seenähe in der Wiese, und während Rudi (auf dem Cover: 3. v. l.) wie eine plötzlich aus der Hege der Zivilisation herauserumpierende Verkörperung der wilden Natur durch die Gegend schoß, Hasen verbellte (oder begrüßte?) und sich in den sumpfigen Froschteich schleuderte, ratschten wir müßig über die Welt und fanden von München nach Berlin, landeten von Berlin wieder in München.

Seltsame Geschichte, diese alte, unverbrüchliche Verbundenheit der beiden augenscheinlich gegensätzlich(st)en deutschen Städte: Ich will da gar nicht mit Bayern und Preußen anfangen, lieber mit Karl Valentin, dessen so typisch münchnerische, verzweifelte Empörung über die Absurdität der Welt dazumal niemand so gut verstand wie die Berliner, und umgekehrt fühle ich mich, wenn ich in Berlin in ein Taxi steige oder einen Laden betrete, immer sofort so zu Hause wie sonst nur zwischen Giesing und Schwabing; selbst die Dialekte spiegeln sich irgendwie: Dem Münchner fällt es leichter, spontan berlinerisch zu denken (und vielleicht umgekehrt), als zum Beispiel ein schwäbisches Wort auch nur auszusprechen, ohne wenigstens innerlich loszukichern.

So wie die beiden Städte sich auf seltsame Weise ergänzen, tun das auch Chio und Marlen: Als hätte man eine ideale Person ideal symmetrisch geteilt zu zwei idealen Figuren und Charakteren, meinetwegen äußerlich: Da sind die Gegensätze augenscheinlich; vor allem aber künstlerisch: Da entsteht aus der (Wieder-)Vereinigung etwas so Schönes und Großes, wie es einer/m Einzelnen wohl niemals entspringen könnte.

Hier also: Chios empörter Trotz, ihr sich gegen die Unbill der Welt förmlich schmeißender unbeugsamer Lebenswille, der sich in einer Stimme sammelt, die bisweilen zumindest ideell an die ähnliche Haltung von Sinead O’Connor und Siouxsie Sioux erinnert und in entscheidenden Momenten so bezaubernd durchdringend wird, daß die Seele des Hörers sich ihr schutzlos ergibt. Und dort: Marlens poetische, beharrliche Demut und Zartheit, die über und hinter den Dingen zu schweben scheint wie eine schimmernde Seifenblase, sie aber mühelos durchdringt und erfüllt. Die Verbindung von beidem gebiert die kaum widerstehliche Magie der Band Zuckerklub: Kämpferisch und verletzlich, kraus und filigran, derb und weich ist ihre Musik, sind ihre Texte, eine (noch mal) ideale Verbindung von Charme und Peng.

Das läßt sich, wie das bei echter, unprätentiös großer Kunst halt so ist, kaum greifen und festnageln, aber ein paar Textzeilen machen spürbar, was es ist, etwa aus „Zimmer für immer“: „Ich steh hier oben am Fenster / Und schaue euch beim Leben zu / Ihr seht aus wie Gespenster / Und das läßt mir keine Ruh / (…) Ich glaub nicht an die Rente / Ich glaube nicht an Gott / Ich habe Angst vor meinem Essen / Und sehne mich doch nach Kompott / Alles stinkt nach Scheiße / Nur nicht du und ich / Ich glaub nicht an Parteien / Ich glaube nur an dich.“ Der Entschluß, „immer im Zimmer“ zu bleiben, macht das Gegenteil fast zwangsläufig: Wir müssen, denkt man beim Hören, hinaus! sofort! und überallhin!

Und dann kommt, während sich die zugleich charmant bescheidene und umreißend hymnische Melodie noch im Kopf festwurzelt, in „Keine Zeit“ der simpelste und gleichzeitig raffinierteste Ohrwurmchorus daher, den ich seit Ewigkeiten gehört habe, und da ergibt man sich und hat gewonnen und läßt sich fallen und wird getragen von dieser famosen Musik. Es mögen „nur“ zehn Songs sein, aber wenn der unterschwellig an die DIY-New-Wave von 1979, ihre konkrete Offenheit und reduziert-antivirtuose Virtuosität erinnernde Sommertraumreggae „Herz auf Papier“ verklingt, ist alles gesagt, was zu sagen ist, und dann geht es von vorn los, automatisch, weil man das Geheimnis vollkommen verstanden hat und doch nicht greifen kann. Und tatsächlich: wird die Platte mit jedem Hören schöner, tiefer, weiter.

Ein Freund nannte Zuckerklub kürzlich die „beste Mädchenband der Welt“, was ebenso geschert ist, als hätte man (als abwegiges Beispiel) die Beatles 1966 als „beste Bubenband der Welt“ bezeichnet. Sagen wir es so: Ich werde diesen Sommer am See, am Wasser, in der Stadt, in der Welt verbringen, und ich werde dafür nur ein einziges Album und auch sonst nichts brauchen, um durch und durch glücklich zu sein: dieses. Wer es anders probieren mag: bitte sehr, selber schuld.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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