Frisch gepreßt #364: Kupfer „Der fette Tanz des Lebens“

Ich will das mal so sagen: Wenn man Kupfer mit einem anderen, weniger edlen Metall in der richtigen Weise zusammenbringt und dann mit dem Finger hinlangt, dann kann es einem ganz schön eine draufzünden. Diesen galvanischen Urmechanismus mußte in Urzeiten Abinadabs Sohn Ussa schmerzlich erleben, als er als Träger der Bundeslade das heilige Gerät verbotenerweise auf einen Ochsenkarren lud und dann, als es ins Schwanken geriet, mit der Hand hinlangte, um es am Herunterplumpsen zu hindern: Fatz! lag er da, vom Elektroschlag gefällt.

Zumindest lautet so (ungefähr) die Auslegung von Erich von Däniken, und der muß es wissen, schließlich ist er – auch wenn das kaum noch jemand weiß – nicht nur ein historiophantastischer Dampfplauderer und Theoriewolkengenerator, sondern auch Musiker. Und die Musik ist (meinetwegen neben der Starkstromtechnik, wir wollen nicht streiten) der Bereich, in dem die Galvanik für die größte Spannungsansammlung und -entladung im Universum sorgt. Oder sagen wir: mal gesorgt hat, bevor „man“ die Musik zur lullenden Alltagsbeschallung umdefinierte und kastrierte.
Aus dem Kastl dieser Umdefinition kommt sie nur noch schwer und selten raus, da muß schon eine ganz schöne Galvanik losbrettern, und damit sind wir wieder bei Kupfer. Nämlich bei Stefan Weyerer und Nick Flade, deren individuell inhärente Ladung an extremkarätiger Musikalität und emotionaler Tiefe, Höhe und Kraft untereinander und in Kontakt mit der Welt für Entladungen sorgt, wie man sie selten erlebt.

Das kann man erleben, wenn man die beiden mal auf einer Bühne sieht: Da wird nicht choreographiert, sondern musiziert, nicht getanzt, sondern gebebt, nicht vorgeführt, sondern gelebt, was in einem kocht, strömt, tobt, so intensiv, daß schon manch einem der Mund abendfüllend offen gestanden ist. Da explodiert ein Feuerwerk an Finesse, an Raffiniertheit, von ineinander geklöppelten Ideen, antisimpel großen Riffs und Melodien, die sich unweigerlich ins Gedächtnis brennen, obwohl sie oft harmonisch so kompliziert sind, daß man sie eigentlich gar nicht nachmachen kann. Oder versuche doch mal einer von den Drei-Akkorde-Schmieden, „Der Tor und das Mädchen“ auch nur mitzuspielen – oder andersrum: sich dagegen zu wehren. Das ist, sagen wir es: eine galvanisch ideale Verbindung von Genie, Inspiration und zweifellos harter Arbeit.

So umwerfend es auf der Bühne wirkt, im Studio geht es fast noch besser, weil man da mehr Raum und Platz für Ideen hat. Was oftmals fett danebengeht, indem dann restlos überladene Möbellaster von Klängen heraustuckern, die den Hörer überwalzen wie ein … nun ja: Möbellaster, weil die Ingenieure am Pult vor Begeisterung über die Traglast ihrer digitalen Bänder (und aus unbewußtem Wissen um die Dürre des liederlich-liedlichen Grundmaterials) Spur um Spur aufhäufen, bis noch der letzte Rest der kargen Musik im Sumpf der Geräusche ersoffen ist. Hier nicht: Hier sprühen die Ideen wie Funken von der Wunderkerze, ohne Rauch und Qualm; der Ton darf schweben, der Raum bleibt klar. Nicht mal der übliche Hallterror vernebelt das Gerüst, nichts zerfließt, man sitzt beim Hören förmlich zwischen Nick und Stefan und glaubt jeden Ton mit Händen greifen zu können.

Seltsamerweise, darüber grüble ich seit Tagen, fällt mir zwischendurch immer mal wieder Münchener Freiheit ein, deren ganz frühe Phase vor der Einlieferung ins Industriegefängnis, in der sich altromantische Schwabinger Lebenslust mit zauberhaft unverstellter Naivität verband, die manch einer peinlich fand, weil das echte Leben immer einen starken Hang zur Unbeholfenheit hat, den erst das Korsett der Pose ihm nimmt (damit aber halt auch manch anderes). Dazu gehören auch: Texte, die nicht „cool“ sein wollen und sich deshalb auf konsente, unverdächtige Bilder und Phrasen beschränken, sondern wild wuchern, aus Herz, Bauch und Seele heraus in eine Welt hinein, in der sie ungeschützt sind, nackt.

Anders als anderen gelingt es Stefan und Nick, sie nackt zu lassen und doch zu kleiden, in ein fast faltenfreies musikalisches Gewand, das ihre inneren und äußeren Formen weniger umhüllt als ihnen Form zu geben und sie zu verstärken. Im Idealfall so perfekt, daß man’s kaum glauben kann, etwa in dem dräuenden, dann fast Queen-mäßig kontrolliert rasenden Minigitarrensolo in (klar) „Normalsein ist Wahnsinn“, das bloß ein paar Sekunden und keinerlei Pathos braucht, um alles auszudrücken, was auszudrücken ist.

Ich will das mal kurz sagen: Schönheit ist nicht (immer) simpel. Und Kupfer ist ein verdammt guter Leiter für elektrische Spannung.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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