Vom Heroismus der Idiotie

Das „Zentrum für politische Schönheit“ dürfte es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Wenn die Künstlergruppe, die mit einigen spektakulären Aktionen tote Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen instrumentalisierte, um medial auf sich aufmerksam zu machen, künftig als reaktionäre Klamauktruppe gilt, verdankt sie dies ihrem Gründer und Boß Philipp Ruch und seinem als „politisches Manifest“ etikettierten Pamphlet Wenn nicht wir, wer dann?.

Einer der grundlegenden Denkfehler des Machwerks mit dem abgegriffenen Phrasentitel (Vorlage: Andreas Veiels Enßlin-Vesper-Baader-Film „Wer wenn nicht wir“) steht schon im Titel und in der Überschrift des Rückentextes: „Warum sich nichts ändert, wenn wir nichts ändern“ – eine scheinbare Tautologie, in der das entscheidende Wort „wir“ ebenso sinnlos und unerklärt herumsteht wie hundertfach im ganzen Buch. „Wir“ – das sind mal „wir alle“, mal in der x-ten Neuauflage des alten Schwindels vom Generationenkonflikt „die Jungen“, mal die Empörten, die Untätigen, die Ratlosen, die Besserwisser, die deutsche Bevölkerung, und ob nun Angela Merkel und die Rüstungsindustrie dazugehören, weiß der Autor offenbar selbst nicht.

Es ist ihm aber auch egal, denn um was es letztlich geht, wird sehr schnell klar: „Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“ Das Konglomerat aus miß- bis halbverstandenen Bruchstücken der „Ideengeschichte“ ist nichts anderes als das, was in Zeiten der Selbstvermarktung so gut wie jede künstlerische Äußerung zwangsläufig und leider ist: Reklame für sich selbst. Daß Ruch, wie er dem „Spiegel“ treuherzig versicherte, keinesfalls den Kapitalismus abschaffen möchte, versteht sich da von selbst. Ob es die von ihm blumig beschworene „Schönheit“ im Kapitalismus überhaupt geben kann – auch egal.

Die Schaffung von Schönheit setzt indes unabdingbar ein Bemühen um Klarheit voraus, und davon kann bei Ruch nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Schon das Vorwort ist ein derartiger Müllhaufen an Unfug, Blödsinn und Bullshit, daß einem nach wenigen Seiten schwindlig wird und man in Wut gerät. Verquirlt ist der wirre Mist mit den faschistoiden Parolen und Schlagwörtern, den Rufen nach „Visionen“, „großen Ideen“,„Glauben“, „Idealen“, einer „heiligen Pflicht“, Führern und Lichtgestalten, die Verrückte wie Arnulf Baring und Gertrud Höhler seit Jahrzehnten auf die Büchertische und in die Fernsehkameras erbrechen. Da hört man auch den Herrenreitergestus der Elitekanaillen um Ulf Poschardt heraus, das schnöselige Kokspathos, mit dem sich Christian Kracht et al. einst via „Tristesse Royale“ in die Feuilletons faselten, und, ja, eine „Große Zeiten!“-Eupho-/Hysterie aus ganz anderen Zeiten.

Philipp Ruch hat bei dem wegen diverser Ausfälle gegen Arbeitslose, Flüchtlinge und Frauen mindestens „umstrittenen“ Herfried Münkler promoviert, was man einerseits deutlich merkt. Angesichts der Tatsache, daß der Mann offensichtlich nicht in der Lage ist, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen und zu formulieren, fragt man sich andererseits entgeistert, wie das zugegangen sein mag. Endlos und redundant hackt er vor allem auf den „Naturwissenschaften“ (zu denen er die Medizin einfach mal dazurechnet) und deren „toxischen Ideen“ von der Erklärbarkeit der Welt herum, deren Hegemonie er die Urschuld an der Unschönheit und Kleingeisterei unserer Epoche anlastet. Hegemonie? In einer Zeit, da nach vierzig Jahren Esoterikgefummel selbst Zahnärzte nach dem Mondkalender operieren? Das ist einem Ruch wurst, der geifert gegen „Nihilisten“, die „im Menschen ein dummes Tier sehen, das sich ständig selbst betrügt und etwas vormacht“. Abgesehen vom Kasusfehler: Den derzeit triftigsten Beleg für diese These hat Ruch selbst zusammengeschrieben.

Man kann das Buch willkürlich aufschlagen, einen beliebigen Satz herausgreifen, schon hat man ein Musterbeispiel für Bullshit und Wirrnis. Exempel (Seite 48): „Worte“ (gemeint sind selbstverständlich Wörter) „können definiert, Gefühle müssen interpretiert werden.“ Wie wär’s damit: Wörter müssen interpretiert werden, um Gefühle definieren zu können. Hm?
Aus der „These“ folgt die Folgerung, Erkenntnis sei Mist, der Mensch müsse sich vielmehr bekennen, nein: bezeichnen, um zu werden, was er sein will. Eine revolutionäre, ähem, Erkenntnis: Jeder ist seines Glückes Schmied! Hallo, FDP! (Womit nicht nur die Essenz des achtzehnseitigen Kapitels „Wie wir uns selbst sehen“, sondern des ganzen Buchs weitgehend auf den Punkt gebracht wäre.) Im selben Geiste fordert er, den Begriff Depression durch „Mutlosigkeit“ zu ersetzen, weil: „Die Mutlosigkeit blickt den Mut immer verliebt mit an.“ Die Depression hingegen blicke „ins Leere“. Klar, wenn man kein Latein kann.

Hier wird der Quatsch dann aber bedenklich, nämlich brauche man nur andere Bezeichnungen, und schon ließen sich alle Probleme lösen: „Depressionen können handstreichartig geheilt werden. Es klingt phantastisch, aber ein einziger Satz kann uns von einer Jahre währenden Leere erlösen.“ Ein Therapeut hingegen möglicherweise nicht von solchem Wahn, wenn der sich erst mal zum „Menschenbild“ verfestigt hat. Obwohl: Dem sind wir ja „keineswegs ausgeliefert. Wir könnten es hinterfragen, den Grundriß ausradieren und jederzeit neu malen.“ Jawohl, weil wir, eben, ALLES können!

Ob der Irrsinn, der Ruch treibt, heilbar ist, wer weiß. Öffentlich verbreitet kann er wie die meisten Allmachtsphantasien verheerende Wirkung haben. Zumal wenn man von vornherein offensiv auf emanzipative Ansätze sowie jegliche Form der Analyse und Reflexion verzichtet: „Menschen werden nicht nur von Ursachen, sondern auch von Zielen bewegt“, schrieben Ruch und sein „Zentrum“ 2009 an den deutschen Bundestag, und weiter: „Schönheit, Größe und Vollkommenheit sind Ziele.“ Nun ist niemandem auf der Welt damit geholfen, daß man Schwimmbäder rot färbt oder Pläne für eine Steinbrücke zwischen Afrika und Europa einreicht. Solche Aktionen führen auch nicht dazu, jemanden zu informieren – wer heute nicht weiß, was an Europas Außengrenzen und jenseits davon vor sich geht, woher und warum Flüchtlinge kommen usw., der will es nicht wissen –, sondern zur üblichen Hysterie des Machens, zu einem Sturm des guten Willens, der niemandem nutzt und nichts erreicht als noch mehr Verwirrung, einen Heroismus der Idiotie. Da muß man dann nicht mehr fragen, ob die uns heute umgebenden ästhetischen, sozialen und politischen Strukturen – die Verherrlichung des Einzelkombattanten, die Verwandlung von Individuen in Kampfmaschinen, die Allgegenwart des Krieges in der Alltagskultur – eventuell Ursachen haben könnten, wo diese liegen und ob es Zweck und Sinn hat, irgendeinen „Protest“ oder sonst was zu mobilisieren, ohne sich in diesem Punkt Klarheit verschafft zu haben.

Was „Größe“ und „Schönheit“ eigentlich sein sollen? Auch dazu fällt dem Ruch nichts ein als Schwurbelei, so daß man durchaus an Albert Speers Germania-Visionen denken kann. Das mag abwegig klingen, ist es aber nicht. Der Mann möchte, das ist schon nach wenigen Seiten klar, als „großer Geist“ in die Weltgeschichte eingehen; seine Ideen sollen seinen Ruhm mit Posaunenklang in die Zukunft tröten.

Leider hat er keine Idee, und Ahnung auch wenig – auffällig, daß für ihn die Weltkultur offenbar mit Nietzsche und Spengler oder spätestens in den 50er Jahren endet: Ein Internet etwa, aus dem er sich seine „Belege“ wahllos zusammengegoogelt hat (selbstverständlich ohne Quellenangaben, oft sogar ohne Namensnennung), gibt es für ihn gar nicht (klar, ist ja „Naturwissenschaft“, gelt?). Statt dessen zieht er in bellizistisch-brutalistischem Vokabular über die „Demokratie“ her, die ihren Kindern einimpfe, „daß alle gleich seien“: „Tatsächlich werden in Demokratien Macht und Herrschaft dämonisiert. Menschen, die nach Macht und Größe streben, gelten als potenzielle Gefahr.“ Dem setzt Ruch die Verteufelung von Gemeinschaft und der Suche nach Harmonie entgegen, den Mythos des „groß gesinnten Menschen“, der „alles auf das Große hin“ entwirft und „mit dem Recht des Stärkeren“ (immerhin) „für das Recht der Schwächeren“ kämpft. „Der Größte muß das Schwierigste vollbringen.“ Da kommt einem unwillkürlich ein anderer deutscher Künstler in den Sinn, der einst in sein Buch hineinschrieb: „Man vergesse niemals, daß alles wirklich Große auf dieser Welt nicht erkämpft wurde von Koalitionen, sondern daß es stets der Erfolg eines einzelnen Siegers war.“

Daß es Ruch angeblich um „das geschichtlich viel zu häufige Verbrechen des Völkermords“ geht, daß er gebetsmühlenartig immer wieder Elie Wiesel und Rupert Neudeck als Zeugen für sein Sehnen nach „Humanität“ herbeizerrt, macht die Sache nicht besser, zumal wenn die Dummheit endgültig siegt und er den Kapitalismus gegen Hitler, Stalin und Mao verteidigen zu müssen glaubt: „Wir wiegen uns allzu sicher in einem Haß auf den Kapitalismus. Wo ist eigentlich der Haß auf die Diktatur?“ Daß er im „Epilog“ in bübische „Ich werde nie vergessen, wie“-Schwärmerei über Bernard-Henri Lévys Einsatz für die „Befreiung“ Libyens gerät und in einem Nebensatz gleich noch den Sturz von Assad propagiert (wie zuvor den des „Diktators“ und „Massenmörders“ Putin), ist ein letztes deutliches Indiz. Die Folgen solcherart verblödeter Kriegshetzerei sind bekannt. Shit happens, wird Herr Ruch sagen. Hauptsache, erst mal kräftig umgestürzt!

Dieses „Manifest“ ist kein Dokument der Menschenliebe, der „Humanität“, sondern des Gegenteils. Es beschwört „Größe, Kraft und Schönheit“ als hohle Glocken, als leerstehende Paläste, als Formeln ohne Inhalt. Welche Art von Gestalten in solche Paläste gerne einziehen und die Glocken läuten, daß der Welt Hören und Sehen vergeht, sollten wir als Deutsche wissen.

Oder sagen wir es milder: Gerd Baumann und Marcus H. Rosenmüller führen gelegentlich ein Programm mit vergnüglichen Nonsensgedichten und Lieder auf, das den Titel „Wenn nicht, wer du“ trägt. Darin steckt mehr Sinn und mehr Schönheit, wahrscheinlich sogar politische, als in den gesamten 208 Seiten dieses Machwerks.

geschrieben Ende November 2015 für KONKRET (gekürzt erschienen)

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