Belästigungen 22/2015: Ein paar abschließende Bemerkungen zu FJS (und dann ist eine Ruh!)

Neulich wurde ich von einem Leser gerügt, weil ich mich abfällig über den „größten Staatsmann der bayerischen Geschichte“ geäußert hätte. Gemeint war selbstverständlich Franz Josef Strauß, und gehen tat es darum, daß ich dessen postume Ernennung zum „Rebell“ durch ein Münchner Blödblättchen beanstandet hatte. Über die Toten, schrieb der milde zürnende Leser, sage man doch nichts Schlimmes.

Ja nun, das wäre zu diskutieren, eventuell anhand der Fallgeschichten von, sagen wir mal: Julius Caesar, Stalin und Andreas Baader. Personen der Historie werden es sich wohl oder übel gefallen lassen müssen, daß über sie wenn schon nichts Schlimmes und Böses, dann doch aber auch nichts unangemessen Löbliches, Reinwaschendes, Überhöhendes berichtet und erzählt wird.

Ein hundertster Geburtstag böte hierfür einen günstigen, aber eigentlich gar nicht nötigen Anlaß, denn die Geschichte wird permanent diskutiert, interpretiert und umgeschrieben, und wenn in hundert Jahren in den Schulbüchern steht, welches globale Gesamtverbrechen europäisch-atlantische Politiker im mafiösen Schulterschluß mit dem militärisch-industriellen Komplex derzeit im gesamten Nahen Osten anrichten, werden deren Fans sich auch nicht beschweren dürfen, man möge doch bitteschön nicht despektierliche Fakten über Merkel, Gabriel und Co. unterrichten.

Und so wird man auch was FJS betrifft immer wieder mal was richtigstellen und dem huldigenden Gewölk seiner fanatischen Jünger entgegenstellen müssen. Umgekehrt allerdings ebenfalls, das hat die Sache so an sich.

Zum Beispiel prangert man in gewissen Kreisen immer noch beharrlich an, der Strauß sei gar kein Demokrat gewesen, sondern wahrscheinlich sogar ein Faschist. Das heißt erst mal nicht viel, denn die Demokratie ist in Deutschland schon immer unpopulär, und wenn einer zu behaupten wagte, Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel hätten während ihrer Regierungstätigkeit jemals versucht, so etwas wie eine Demokratie einzuführen, müßte derjenige wohl mit einer Verleumdungsklage rechnen.

Aber freilich erinnern wir uns alle an den entfesselten, vor keiner Form der Gewalt zurückschreckenden Vernichtungswillen, mit dem der Strauß auf jeden eindrosch, der sich ihm auch nur versuchsweise in den Weg zu stellen wagte, an die Hetzkampagnen, mit denen er Gegner überzog und (via Stoiber et al.) überziehen ließ, an den blindwütigen Haß auf alles, was sich in die entfernteste Nähe von Kommunismus und Sozialismus rücken ließ – und das war wirklich alles, bis hinaus an den rechtesten Rand der CDU, bis hin zu echten Nazis, die für ihn notfalls bloß braunlackierte „rote Ratten“ waren. Tatsächlich hat wohl seit Joseph Goebbels kein deutscher Politiker so oft und vehement „Bolschewismus“ als Schimpfwort gebraucht wie der Strauß.

Von dem (bzw. seinem engen Mitarbeiter Eberhard Taubert, laut Spandauer Volksblatt der „gefährlichste und militanteste Antisemit des Dritten Reichs“, der später den Verteidigungsminister Strauß als Berater für „psychologische Kriegführung“ diente) hatte er es aber ja auch gelernt, das Hetzen und Propagandisieren, und aus der Stellenbeschreibung seines Jobs als „weltanschaulicher Referent“ beim Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps und Offizier für „wehrgeistige Führung“ bzw. Nationalsozialistischer Führungsoffizier (NSFO), der ausdrücklich nur für „fanatische Nationalsozialisten“ vorgesehen war, dürfen wir ruhig schließen, daß er es gut gelernt hat. Ein Faschist war er aber wahrscheinlich trotzdem nicht; die Kerle nämlich, deren frühe Umtriebe er schon als Bub in der Maxvorstadt rund um den Schellingsalon täglich erlebte, verachtete er ebenso wie alles andere, was die wesentliche Eigenschaft entbehrte, die ihm das einzige und wichtigste Grundmerkmal eines echten Mannes war: Stärke.

„Stark“ mußte beim Strauß alles sein, ein „starkes Bayern“, geführt „mit starker Hand“ und so weiter und so fort, und die Urnazis waren das bestimmt nicht, diese weichlichen Uniformprotze, von pseudosozialistischem Gedankengut angekränkelt, womöglich homosexuell und am Ende nicht mal in der Lage, einen windigen Krieg zu gewinnen. Den hat dann nachträglich er gewonnen, und dabei kam ihm zugute, daß er eben kein Faschist, kein Demokrat und auch ansonsten von keinerlei politischer Überzeugung auch nur im geringsten angehaucht war. Seine Triebfeder, nein: sein Raketenmotor – unter dessen Trieb er, wie wir vermuten wollen, nicht selten litt – war (neben dem wahnhaften Kult um die „Stärke“) nur eines: eine maßlose, in alle Richtungen ausufernde und durch nichts zu bremsende Gier nach Macht und Reichtum. Dafür ließ er alles andere liegen und stehen, hat gelogen, betrogen, geschoben, gedreht, geschmiert, sich schmieren lassen, und wenn ihm mal wieder einer draufkam und eine seiner zahllosen „Affären“ (seit ihm der Fachbegriff für Verbrechen, die von Politikern verübt werden) ans Licht brachte, war ihm das vollkommen egal, weil er moralische Integrität und Anstand für Gesinnungspopeleien hielt, mit denen sich Weicheier, Bedenkenträger und Sonntagsprediger herumschlagen mögen, aber keine starken Führer.

So ging die Sache ihren Gang, so wurde aus dem Metzgersburschen über die Einehelichung in die Unternehmerfamilie Zwicknagel (er habe „gut, aber nicht sehr gut“ geheiratet, berichtete er einem Bekannten), die Übernahme des Kommandos über eine regionale politische Organisation und ein stetig wachsendes Netz von Händen, die ungeheure Geldsummen und sich gegenseitig wuschen, in wenigen Jahren einer der reichsten Männer in ganz Europa, der zum Zweck der Vermögensanhäufung nicht davor zurückschreckte, neben diversen Diktatoren auch dem Oberkommunisten Mao die Pranke zu schütteln und ein paar Milliarden Steuergelder in die kaputte DDR hineinzupumpen, um sie unten wieder abzuzapfen. Ob der Strauß in seinem ganzen politischen Leben jemals irgendetwas getan hat, woran er nicht mindestens kräftig mitverdiente, ist vorläufig unbekannt. Daran mögen sich künftige Historiker Doktortitel verdienen – wenn die Unterlagen und Quellen nicht längst von seinem Heer gesichtsloser Schranzen und Höflinge vernichtet wurden und die entsprechenden Archive jemals zugänglich werden.

Das alles ist nicht böse gemeint und auch keine Schmähung; es dient lediglich der historischen Einordnung. Daß ein Großteil der älteren bayerischen Bevölkerung noch heute instinktiv zum Beißreflex ansetzt, wenn das K-Wort fällt oder irgendwo ein Plakat der Linkspartei hängt, verdanken wir ebenso dem Strauß wie die fortdauernde Existenz einer ganzen Staatspartei von unfähigen, überzeugungslosen Karrieristen, deren Treiben seit seinem Tod dem Versuch einer Horde Dackel gleicht, sich selbst an der Leine Gassi zu führen.

Aber so ist’s nun mal. Sehen wir’s ein, nehmen wir’s hin und Schwamm drüber. Daß der Strauß nebenbei ein höchst intelligenter und beizeiten witziger Redner war, mag uns trösten, und die Berge von Geld, die er aus dem Land herausgesaugt hat und auf denen seine Familie bis heute herumsitzt, die wird sich irgendeine künftige Generation schon zurückholen. Derweil gilt: über die Toten nichts Schlimmes. Er ruhe in Frieden, der arme starke Mann.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

 

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