Belästigungen 13/2015: Von der umgekehrten Kompatibilität des Krenweiberls (eine erzkonservative Tirade)

Ein guter Freund hatte neulich ein Computerproblem, das relativ typisch ist: Er lud sich ein paar Programme runter und stellte nach kurzer Zeit fest, daß diese Programme „Updates“ verlangten, die mit seinem „alten“ Betriebssystem nicht kompatibel waren, sondern nur mit einem mindestens mittelalten, am besten aber neuen. Neue Betriebssysteme funktionieren grundsätzlich selten, und wenn doch, legen sie nicht mehr ganz neue Computer zuverlässig so lahm, daß deren Benutzer täglich ungefähr so viel Zeit damit zubringen, lustig animierte Eieruhren und Brummkreisel anzuglotzen, wie man früher damit zubrachte, Bücher zu lesen, Gespräche zu führen, zum Baden zu fahren, im Wald spazieren zu gehen, Eis zu essen und Sex zu haben.

Langer Rede kurzer Sinn: Der Freund brauchte statt seines alten ein mittelaltes Betriebssystem. Das gibt es auch; Millionen Computer laufen damit – aber man kann es nicht mehr käuflich erwerben. Das heißt: kann man schon, allerdings muß man sich dazu erst das ganz neue kaufen und dann noch mal einen beträchtlichen Geldbetrag hinblättern, um es auf das mittelalte herunter zu (fränkisch gesprochen) „gräten“.

Für das gleiche Geld könnte man sich einen gebrauchten mittelalten Computer kaufen, der mit dem mittelalten Betriebssystem läuft, allerdings hat man dann in drei Monaten das gleiche Problem, wenn nämlich wieder ein superduperneues Betriebssystem „erscheint“ (aufgrund eines Naturwunders in einem kalifornischen Tal, wie ich vermute) und alle möglichen Programme nicht mehr kompatibel sind, weil sie ihre täglichen „Updates“ brauchen wie der grüne Landtagshockerfurzer sein Müsli (mit dem gleichen Ergebnis, was Plautzenschwellung, geistige Trägheit, Furzfrequenz und früher oder später eintretende generelle Inkompatibilität betrifft).

Irgendwann wird der Freund seine vor lauter „Update“-Müsli geplatzte Kiste (die ansonsten weitgehend nagelneu ist und noch 20 bis 40 Jahre laufen täte, wenn sie die „Updates“ wieder herauskoten könnte) in den Müll schmeißen, wo jedes Jahr Milliarden dieser Kisten landen, die man am besten allesamt in einen Vulkan kippen sollte, damit sich die Megatonnen wertvoller Metalle wenigstens ungefähr sammeln und in hunderttausend Jahren die nächste „Informationsgesellschaft“ die Erzlagerstätten anzapfen und neue Computer bauen, sie mit „Updates“ vollpumpen und den nächsten Kapitalismus hyperventilieren lassen kann.

Oder nein, vielleicht ist das gar nicht so toll. Vielleicht wäre es gescheiter, den ganzen Schmarrn einfach abzubrechen, Bücher zu lesen, Gespräche zu führen, zum Baden zu fahren, im Wald spazieren zu gehen, Eis zu essen und Sex zu haben. Nämlich ist es zwar heute nachweislich nicht mehr so gut wie früher, als alles besser war, aber immer noch besser als irgendwann, wo es noch schlechter wird, und deshalb frage ich mich schon lange, wieso so viele Menschen da unbedingt hinwollen: in diese „Zukunft“, in der die „Updates“ minütlich auf den Computer einprasseln und man sich jeden Tag vor Aufsuchung des „Arbeitsplatzes“ eine neue Kiste kaufen muß, während irgendwo droben im Weltall eine galaxiengroße „Cloud“ herumwabert, randvoll mit inkompatiblen Daten.

Eine Stadt übrigens, z. B. die Münchner Stadt, ist auch nichts recht viel anderes als ein Computer. Da wird jährlich, wöchentlich, stündlich „upgedatet“, und ständig stellt irgendwer fest, daß irgendwas nicht mehr hinauf „gegrätet“ werden kann und deswegen weg muß, obwohl es eigentlich noch gut ist und nur denen nicht schmerzlich abgeht, die sowieso nur am Rödeln sind und die eineinhalb Stunden zwischen Ausbeutung und Schlafstörung mit genormten (und „upgedateten“) „Freizeitangeboten“ vollstopfen (die derart fad sind, daß man lieber darauf verzichtet und noch mehr rödelt).

Deswegen werden quadratkilometerweise Hausfassaden mit Styroporplatten vollgepfompft, deswegen pflastert man jede brach verbliebene Idylle mit betonierten „Freizeitangeboten“ zu, deswegen muß jedes Schlupfloch, jede Nische „bespielt“ und mit Halligalli-„Updates“ vollgepumpt werden, deswegen zahlt man sein Bier am Chinesischen Turm nicht mehr am Ausschank, sondern an einem umgewandeltem Fabrikmonster aus Ikea-Kachelkabinen, die aussehen wie eine Art „Kunst im öffentlichen Raum“ zum Gedenken an die mittelalte Geschichte der Stadt Dachau. Deswegen auch gedeihen auf dem schönen Agrarland nördlich von Schwabing und der Lerchenau nicht mehr Gemüse und Salat, sondern Wohnblocks und hektarweise Raps zur Produktion von Benzin in derartigen Mengen, daß es trotz Wohnblocks und totaler Mobilisierung nicht mehr motorisch in Giftgas umgewandelt werden kann, weshalb man es als „Rapsöl“ in sämtliche Fertiggerichte und mittlerweile selbst in geriebenen Meerrettich hineinrührt, wo es Körper und Geist der „Konsumenten“ noch effektiver ruiniert, während nirgendwo mehr abends das Krenweiberl an der Tür klingelt (oder tüdelüt, weil Klingeln zu wenig Energie verbrauchen und deswegen auch nicht mehr gängig sind) und frisch geriebenen Meerrettich und eine nette Ratscherei anbietet.

Und deswegen schlage ich vor: alles Neue daran zu messen, ob es mit dem Alten, noch Guten kompatibel ist. Und nicht andersherum. Das könnte doch einen Versuch wert sein, nachdem sich die umgekehrte Vorgehensweise, das Alte in die Tonne zu hauen, wenn es mit dem Neuen nicht kompatibel ist, seit 200 Jahren täglich und minütlich als Riesenblödsinn erweist.

Die Kolumne „Belästigungen erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

 

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