Belästigungen 03/2015: Was Hänschen nicht lernt, glaubt Hans dann erst recht nicht (und umgekehrt)

Es ist in diesen Tagen so viel von Religion die Rede, daß man nicht umhin kommt, bisweilen darüber zu sinnieren, ganz automatisch, weil das Thema sozusagen von jedem Glockenturm schallt. Ich kann mich dem als Mensch mit Augen und Ohren und einem Gedächtnis kaum entziehen, und da ist mir zum Beispiel eingefallen, daß wir einst einen sehr liebenswerten, leider auch ziemlich cholerischen und bisweilen slapstickmäßig handgreiflichen Religionslehrer hatten, und weil mir der nette Mensch wieder eingefallen ist, habe ich darüber sinniert, was wir bei ihm eigentlich so gelernt haben.

Zum Beispiel hat er uns beigebracht, daß und warum die erwähnten Glockentürme sonntags um zwölf zum „Engel des Herrn“ läuten (ich weiß es nicht mehr) und daß eine Harnröhrenoperation (der er sich damals unterziehen mußte) enorm schmerzhaft und wünschensunwert ist. Mehr fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Mein Tagebuch aus jener Zeit ist auch nicht sonderlich auskunftsfreudig: Außer dem wiederholten Eintrag „Relix fiel aus“ (Harnröhren-OP?) und umfangreichen Chroniken diverser Blasrohrschlachten ist da lediglich die etwas verschämte Eintragung zu finden, daß besagter Religionslehrer beim ersten Elternsprechtag angab, mich nicht zu kennen (es war halt zu Schuljahresbeginn gerne mal schönes Wetter, besonders am Samstag).

Man könnte den Gesamtkomplex Religionsunterricht zu meiner Zeit somit zusammenfassen: Netter Versuch. Nun haben sich bekanntermaßen die Zeiten geändert, und ein Religionsunterricht alter Machart mit seinem wettbewerbsfeindlichen „Liebe deinen Nächsten“-Geplänkel und ausführlichen Reise- und Abenteuerberichten der „Wandergruppe Bundeslade“ aus dem Morgenland käme höchstens noch als Erholungsprogramm für burnoutgefährdete Zehnjährige in Frage, so zwischendurch, damit sie sich mal eine Dreiviertelstunde lang nicht den Kopf zerbrechen müssen, wie sie am besten fit fürs Ausbeuten werden. Aber Religion muß eben sein, und weil die prägende Religion unserer Tage bekanntermaßen eine andere ist, führt das neoliberale Musterländle Baden-Württemberg demnächst ein neues Schulpflichtfach ein: „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“.

Das tut, wie man früher so sagte, not. Denn zwar besteht der Alltag neuerer Generationen schon im Grundschulalter aus kaum noch etwas anderem als „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“, und zwar sind defaitistische Parolen vergangener Zeiten von „Kapitalismus ist scheiße“ über „Arbeitet nie!“ und „Am Morgen ein Joint, und der Tag ist dein Freund“ bis „Schluß mit dem Schulterror“ höchstens noch Gegenstand ratloser Deutungsversuche im Geschichtsunterricht.

Aber das reicht halt nicht, weil die Zurichtung des Jungmenschenmaterials bislang offensichtlich noch nicht effektiv genug ausfällt: „Ohne Wirtschaft geht gar nichts!“ grölt der für „Ausbildung“ zuständige Mann der IHK (der Lobbyorganisation der sogenannten „Arbeitgeber“) und bietet in typischer Dreistigkeit gleich noch an, den Drill der Lehrer könne sein Laden gerne übernehmen.

Freilich, schließlich war unser damaliger Religionslehrer ja auch ein Pfarrer. Da läge es doch näher, die Prediger der Wachstumssekte gleich selber in die Schulen zu schicken, anstatt erst noch die Lehrer auf Linie zu bringen – unter denen sich womöglich noch Residuale von altlinken Konsumverweigerern, Bürgerrechtlern, Gesellschaftskritikern und sonstigen Dissidenten verstecken.

Ein milder Vertreter der ewiggestrigen Vernunft meldete sich auch sogleich zu Wort und witterte im neuen Fach einen „eminent politischen Konflikt“: „Es geht“, meint der Bielefelder Wirtschaftssoziologe Reinhold Hedtke, „um das grundsätzliche Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie.“ Das böse K-Wort zum Beispiel solle bei der geplanten „Orientierung“ überhaupt nicht vorkommen; schon gar nicht soll der gesellschafts-, welt- und persönlichkeitszerstörende Prozeß in irgendeiner Weise „hinterfragt“ werden. (Man diskutiert ja auch nicht im christlichen Gottesdienst, wie man grundsätzlich auf so einen Schmarrn wie einen Gott kommen kann.) Vielmehr werden Fragen beleuchtet wie: „Welche Interessen verfolgen Arbeitgeber?“ – und zwar ganz bestimmt ehrlich, kritisch und emanzipatorisch, ähem, so mit „gesellschaftlicher Verantwortung“ und so, ähem ähem. Der Landesschülerbeirat hofft in einer Stellungnahme immerhin, man werde zukünftig lernen, wie man eine Steuererklärung macht.

Übrigens gab es damals auch schon einen Unterricht in „Wirtschaftslehre“. Ich habe allerdings keine Ahnung, ob dort ebenfalls Dogmen, Axiome und Glaubenslehren gedrillt wurden, weil ich nie daran teilgenommen habe – man durfte das als aufgeklärter Siebtkläßler noch selbst entscheiden. Es steht indes zu vermuten, weil die Statistik zeigt: Wer sich dem Schmarrn unterzog, sitzt heute überwiegend an sogenannten „Arbeitsplätzen“ oder in den entsprechenden Verschickungsanstalten herum, läßt sich schikanieren und schaut ab und zu aus dem Fenster nach draußen, wo das Leben unerbittlich an ihm vorbeiläuft. Wer hingegen die Alternative „Kunsterziehung“ wählte … nun ja, der springt weitaus häufiger fröhlich durch die Landschaft, läßt den bösen Ausbeuter einen ebenso guten Mann sein wie den lieben Gott (danke, Herr Bauernschmidt!) und führt nachts am Biertisch lästerliche Reden über den Kapitalismus.

Vielleicht ist das so mit den Religionen: Man darf darüber schon bisweilen sinnieren, aber am besten aus pfundigem Abstand, und unschuldigen Kindern sollte man, bis sie den Unterschied zwischen einem unterdrückerischen Dogma und einem Naturgesetz kennen, lieber von Kirchenglocken, Nächstenliebe und meinetwegen Harnröhren-OPs erzählen. Und vor allem aber davon, daß draußen die Sonne scheint und daß das ganz ohne Wirtschaft geht.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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