Frisch gepreßt #320: Morrissey „World Peace Is None Of Your Business“

Manchmal möchte man meinen, es sei alles gesagt. Schlußsteine und Abspänne haben die schöne Eigenschaft, daß nach ihrem Auftreten und Erscheinen der Meinungsführer die Feder spitzen und Gesamtbilanz ziehen kann: Was war’s denn nun, in weltgeschichtlichem Kontextzusammenhang? Und was war’s wert?

Bei Morrissey wünscht sich das so mancher lange schon, weil der Nachruf zu Lebenszeiten in der Schublade liegt und nur noch etwas aufgehübscht, mit ein paar aktuellen Nachwörtchen berüscht und der aktuell gültigen Rechtschreibung angepaßt werden muß. My dear, ist das etwa kein Lebenswerk: eine der wichtigsten Bands aller Zeiten, neun Soloalben, von denen (vielleicht mit Ausnahme von Nummer zwei und drei) ein jedes besser war/ist als das vorhergehende, eine doppeldaumendicke Autobiographie, die bei Penguin Classics erschienen ist – und aber verdächtig doppelt und doppelt verdächtig endet: Mit den Worten „and it was dark, and I looked the other way“ schließt der Text; den knappen Danksagungen indes ist das Motto beigefügt: „Whatever is sung is the case.“

Und so wird weitergesungen, und Steven Patrick Morrissey, kürzlich 55 geworden, wäre ja auch ein Depp, wenn er seine weltgeschichtlich einzigartige Stimme fortan müßigem Teestundengeplauder vorbehielte. Damit die Bilanzeure auch gleich wissen, daß dies und auch dies kein Schlußstein und kein Abspann ist, hat er seinem zehnten Soloalbum (das ebenso ein Gang-Album ist wie die letzten sechs) ein Cover aufgesetzt, das als finales, alles bereits Gesagte noch mal kurz aufscheinen lassendes Statement so gut geeignet ist wie ein gestreckter Mittelfinger mit herausgestreckter Zunge als Grabrede.

Daß sein Hang zur bitteren, oft alle Grenzen auch der Selbstachtung überschreitenden Ironie, zum maßlosen, sich selbst (und allem anderen aber erst recht) ins Gesicht spuckenden Zynismus, zur rasierklingenscharf schneidenden Klugbosheit, zum triumphalen Trotz mit den Jahren eher immer stärker wird, neue Kanäle in noch wilderen, noch poetischeren Textzeilen sucht und findet – das versteht sich irgendwie auch von selbst: „Das Gute und das Böse müssen dokumentiert werden. Das Leben ist eine ernste Angelegenheit, wozu sollte man also so tun, als wär’s das nicht?“ rief er kürzlich den planetaren Horden der ohnmächtigen Spaßgesellschaft entgegen, die über nicht mehr zu singen wissen als über mißverstandene, in Plastikfolie verpackte Plastikdinge, die sie für Sex halten, den „fetten 19jährigen“, die unter Stil nicht mehr verstehen als „Klamotten zu kaufen, die zum Sofa passen“.

Musikalisch ist die Sache punktuell vertraut: schwere, leichtfüßige, schwebende, wie Lava walzende Harmoniefolgen, hymnisch arrangiert, in große Refrains mündend, die das Schicksal der Welt („Earth is the loneliest planet of all“) auf den spürbaren Punkt bringen. Aber die Überraschungen und schönen Schritte nach vorne und zur Seite purzeln nur so aus dem Schrank; man höre etwa „Smiler With Knife“ und versuche einen Vergleich für diese seltsam entspannte, dräuende Horrorballade zu finden – es darf schon mal erwähnt werden, daß es durchaus etwas Ungewöhnliches ist, wenn ein Liederdichter Mitte fünfzig nicht krampfhaft versucht, seine späte Jugend als Farce heraufzubeschwören oder noch verkrampfter sich in irgendeine Ruhmeshalle von Konsensvorbildern hineinzumeißeln, sondern einfach reift, indem er Neues versucht, auf was man mit 30 nie kommen könnte, und Altes weiter formt, beschleift, perfektioniert (ohne es je perfektionieren zu können, ehe nicht wirklich der Schlußstein gesetzt und der Abspann verklungen ist).

Das sind nicht nur Gags, Trompetenintros, spanische Gitarren, versetzt-progressive Akustikriffs, eigenartig verschrobene Breaks, ein jazziges Oboensolo; es ist das Ergebnis der Ausschöpfung aller musikalischen Möglichkeiten, die eine Entwicklung über etwas mehr als 30 Jahre eröffnet. Und damit war von den Texten noch gar nicht die Rede, die in poetischster Form und ohne Rücksicht auch auf sich selbst tun, was Poesie im allerbesten Falle tut: das Unfaßbare, die Dinge, das Leben und die Welt (selbstverständlich auch die tagesaktuelle) in be-greifbare Bilder und Zeichen gießen, die den unschätzbaren Vorteil haben, auch noch von blendender Schönheit zu sein.

Mag das nächste Album noch einmal fünf Jahre auf sich warten lassen – was sind schon Jahre? Wir haben bis dahin genug zu tun.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle 14 Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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